Koechlin, Charles

Les Heures persanes op. 65

Rubrik: CDs
Verlag/Label: hänssler Classic 93.125
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 94

Die jüng­ste CD ein­er Rei­he mit Werken von Charles Koech­lin, die Heinz Hol­liger mit dem Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart des SWR einge­spielt hat, ist einem einzi­gen Werk gewid­met: Les Heures per­sanes op. 65. Angeregt durch lit­er­arische Reise­berichte über Per­sien von Pierre Loti und Joseph Arthur Comte de Gob­ineau sowie durch Erzäh­lun­gen aus Tausendun­dein­er Nacht ent­stand die Kom­po­si­tion zwis­chen 1913 und 1919 zunächst als 16-teiliger Klavierzyk­lus und wurde 1921 in kürzester Zeit orchestri­ert.
Koech­lin ist bekan­nt dafür, ein Meis­ter der Orch­ester­be­hand­lung zu sein, sodass sog­ar andere Kom­pon­is­ten von Claude Debussy bis Cole Porter auf seine Orchestrierungskun­st zurück­grif­f­en. Und doch ist man auch bei den Heures per­sanes aufs Neue über­rascht und beza­ubert von Koech­lins Instru­men­tierung, welche die Abstu­fun­gen der Far­b­valeurs zum struk­turi­eren­den Ele­ment des musikalis­chen Satzes macht, hin­ter dem die The­men- und Motiven­twick­lung zurück­bleibt. In Klän­gen von erlesen­er, entrück­ter Schön­heit zeich­net Koech­lin Stim­mungs­bilder, Impres­sio­nen ein­er Traum­reise in ein ent­fer­ntes Land, das Per­sien heißen mag, aber auf kein­er Land­karte zu find­en ist. Spek­takulär Folk­loris­tis­ches oder Exo­tis­ches mei­det Koech­lin, und trotz­dem oder ger­ade deshalb klingt seine Musik fremd. Nur an weni­gen Stellen wird die Musik der Heures per­sanes leb­haft oder laut (À tra­vers les rues), meist bewegt sie sich im Bere­ich ein­er träumerischen Poe­sie; charak­ter­is­tis­cher­weise sind denn auch gle­ich drei Stücke des Zyk­lus der Beschrei­bung des Mondlichts gewid­met.
Bere­its wenige Jahre nach Koech­lins Tod im Jahr 1950 beklagte Paul Col­laer: „Dieser her­vor­ra­gende Kom­pon­ist, der in der vorder­sten Lin­ie ste­hen sollte, nimmt heute nicht den Platz ein, der ihm zukommt.“ An diesem Sachver­halt hat sich auch fün­fzig Jahre später wenig geän­dert. Dabei wirkt Koech­lins im besten Sinne eige­nar­tige Ton­sprache dur­chaus mod­ern, etwa in der frei gehand­habten Tonal­ität bis hin zur Poly­tonal­ität oder – wie in den Heures per­sanes – in ein­er Versenkung fordern­den med­i­ta­tiv­en Sta­tik.
Man möchte wün­schen, dass die Auf­nah­men Heinz Hol­ligers mit dem RSO Stuttgart die Neuent­deck­ung Koech­lins endlich befördern. Denn Hol­liger mit seinem Gespür und Ver­ständ­nis für die Sen­su­al­ität von Klän­gen, dem mit dem RSO Stuttgart auch ein adäquater Part­ner zur Seite ste­ht, ver­mag den Nuan­cen­re­ich­tum der Heures per­sanes darzustellen, zu gestal­ten, zum Leucht­en zu brin­gen. Ger­ade die Pianobere­iche lotet die Wieder­gabe mit großer Fein­heit aus: Bewun­dern­swert, wie sich der Beginn aus dem äußer­sten Pianis­si­mo her­aus auf­baut – wie ein Traum, der sich langsam mate­ri­al­isiert. Bewun­dern­swert auch, wie über die knapp ein­stündi­ge Dauer des gesamten Werks die Span­nung gehal­ten, die Gefahr des Über­druss­es geban­nt wird. Das gelingt dank ein­er fast kam­mer­musikalis­chen Trans­parenz der Inter­pre­ta­tion, die den Stim­mungs­bildern der Heures per­sanes eine räum­liche Dimen­sion – Hin­ter­grund und Tiefe – ver­lei­ht.
Gisela Maria Schubert