Ravel, Maurice

L’Enfant et les Sortilèges / Ma Mère l’Oye

Rubrik: CDs
Verlag/Label: EMI 5099926419725
erschienen in: das Orchester 09/2009 , Seite 72

Namen wie Mag­dale­na Kozená, Annick Mas­sis oder José van Dam zieren, neben anderen, die Beset­zungsliste dieser neuen Berlin­er Pro­duk­tion. Solide bis bravourös (Nathalie Stutz­mann!) lösen die Star­solis­ten ihre Auf­gaben, doch es sind nicht einzelne Sänger, die Rav­els “L’Enfant et les Sor­tilèges” unter Simon Rat­tle entschei­dend prä­gen. Die „Fan­taisie lyrique“ von 1925, knapp eine Dreivier­tel­stunde lang, ist alles andere als eine Pri­madon­nen- und Bel­can­to-Oper.
Das Libret­to von Colette erzählt von der Fan­tasie eines sech­sjähri­gen Kindes, dem nach einem zer­störerischen Trotzaus­bruch seine kleine Welt magisch ver­wan­delt gegenüber­ste­ht. Die Objek­te seines Furors: Tiere, Pflanzen, Möbel, selb­st Tape­ten­fig­uren, sind urplöt­zlich beseelt und wen­den sich gegen das Kind. Rav­el macht aus dieser Geschichte einen traumhaften musikalis­chen Reigen, in dem das Possier­liche unverse­hens ins Bedrohliche kip­pen kann und das Nebeneinan­der von Fox­trott und Chi­nois­erie, von archaisieren­der Pas­torale und Valse lente als das Aller­natür­lich­ste erscheint. Zu dieser „fan­tastis­chen“ Bun­theit der Stilebe­nen gehört auch, dass Rav­el den Klang seines vokal-instru­men­tal­en Appa­rats immer wieder dena­turi­ert – mit ungewöhn­lichen Instru­mentenkom­bi­na­tio­nen, mit Spiel­weisen, die aus dem Jazz über­nom­men sind, oder mit einem Sin­gen, das durch Nasale oder Glis­san­di ver­fremdet ist und in den Sprechge­sang wech­seln kann.
Hier set­zt Simon Rat­tles Inter­pre­ta­tion an. Im Ver­gle­ich etwa mit der let­zten Ref­eren­za­uf­nahme, die Charles Dutoit 1992 bei Dec­ca pro­duziert hat, wird sehr deut­lich, dass Rat­tle das Überze­ich­nete, zuweilen Grelle an diesem musikalis­chen Tag­traum in den Vorder­grund stellt. Stets geht die Ten­denz dahin, den Klang zu schär­fen und Kon­traste zuzus­pitzen. Die Berlin­er Phil­har­moniker spie­len das mit vir­tu­os­er Kon­se­quenz aus und tra­gen wesentlich dazu bei, die enorm mod­erne Seite von Rav­els Par­ti­tur zu ver­wirk­lichen. Doch auch das Weichgeze­ich­nete, das traumver­loren Poet­is­che hat in dieser Par­ti­tur seinen Platz. Und hier, zum Beispiel beim Bild des nächtlichen Gartens zu Beginn von Teil II, liegt die Stärke der Ein­spielung Dutoits, der weniger vom kul­tivierten franzö­sis­chen Klang abzurück­en bere­it ist.
So bietet die Rat­tle-Auf­nahme – die gekop­pelt ist mit “Ma Mère l’Oye”, und zwar in der sieben­sätzi­gen, zu einem Märchen-Bal­lett erweit­erten Orch­ester­ver­sion – einen etwas ambiva­len­ten Ein­druck, der sich zulet­zt auch am Chor fest­machen lässt. Vol­len­det klangschön gelingt dem Rund­funk­chor Berlin das abschließende „Il est bon, l’Enfant“; im Schäfer­chor der Pas­torale ist die über­legene franzö­sis­che Dik­tion von Dutoits Sängern ein merk­lich­er klang­far­blich­er Plus­punkt.
Thomas Gerlich