Dietrich Pätzold
Leben und Spielen
Der Geiger Saschko Gawriloff und sein Jahrhundert
Irgendwann wurde aus Opas Blechgeige die Stradivari. Und schnell wurde aus dem begabten Jungen ein Geiger, der mit seiner Geigenkunst und seiner Stradivari weltweit das Publikum begeisterte. Bald wird der Geiger Saschko Gawriloff hundert – der Untertitel dieses Buchs, „sein Jahrhundert“, erhält damit eine doppelt schöne Bedeutung.
Der Autor hat zahlreiche persönliche Gespräche mit dem Geiger in Warnemünde geführt, wo Gawriloff seit mehr als 20 Jahren lebt. Diese Gespräche verleihen der Biografie Authentizität und Tiefe. Pätzold bietet einen facettenreichen, interessanten Einblick in das Leben eines bedeutenden Geigers, dessen Karriere eine für Solist:innen eher ungewöhnliche ist, war er doch zunächst auch als Konzertmeister in verschiedenen großen Orchestern tätig. Liebe hat der kleine Saschko erfahren, aber auch Strenge und Ohrfeigen. Er durfte wählen: üben und Geiger werden oder Schmied. Sogar Ballettstunden hat er zwecks Schulung des Rhythmusgefühls erhalten.
Pätzold schlägt einen salopp-unterhaltsamen Ton an, der zu einer guten Lesbarkeit beiträgt, mitunter allerdings auch etwas gewollt wirkt. Es gelingt ihm, chronologisch nach Jahrzehnten gegliedert, ein anschauliches Bild zu zeichnen von einer großen, traditionsreichen, kulturell aktiven Familie, die vielseitig aufgestellt war, eine Werkstatt sowie ein Musikaliengeschäft und ein Hotel betrieb. Einige wenige Fotos – leider keine Originaldokumente – begleiten die Geschichte.
Zahlreiche nette Anekdoten werden uns erzählt: Wie es zu dem Vornamen Saschko kam; über die Baldrian-Bowle der russischen Besatzer; über die Vergütung von Orchestermusiker:innen in Naturalien; die Urlaubsbekanntschaft mit seiner späteren Ehefrau Renate, die in einem Kapitel selbst zu Wort kommt; (Schallplatten-)Unterricht bei Dawid Oistrach; wie er Tibor Varga beim Alban-Berg-Konzert gerettet hat; vom thailändischen König und seinem Saxofon; über den in einer Bratsche geschmuggelten Kaffee.
Über die Formulierung „Mozarts Streichkonzerte“ sieht man gerne hinweg. An der einen oder anderen Stelle würde man sich eine mehr analytisch-kritische Auseinandersetzung mit Gawriloffs Werk und mehr interpretative Reflexion wünschen. Sowohl Fachlesende als auch musikinteressierte Laien jedoch dürften diese Verknüpfung von Biografie und Zeitgeschichte, ein lebendiges kulturgeschichtliches Zeugnis, mit Freude lesen.
Apropos Stradivari: Sehr hörenswert ist das in der Biografie erwähnte, 1996 eingespielte Album What about this, Mr. Paganini, in dem Gawriloff berühmte Geigen präsentiert.
Carola Keßler


