Schulhoff, Erwin

Landschaften / Menschheit / Der Bürger als Edelmann

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Orfeo C 056 031 A
erschienen in: das Orchester 03/2004 , Seite 83

Vor zwanzig Jahren kan­nten wohl nur Experten seinen Namen, heute ist wenig­stens einiges aus dem kom­pos­i­torischen Œuvre von Erwin Schul­hoff (1894–1942) aus dem Reper­toire (zumin­d­est aus den CD-Kat­a­lo­gen) nicht mehr wegzu­denken. Ver­bre­itung gefun­den haben dabei vor allem Werke etabliert­er Gat­tun­gen – also vor allem die Stre­ichquar­tette – und solche Kom­po­si­tio­nen, die durch einen dadais­tisch schrä­gen, teil­weise mit Jazz-Rhyth­men auftrumpfend­en oder auch nur plaka­tiv-grif­fi­gen Ton­fall auf­fall­en, wie etwa Bass­nachti­gall für Solo-Kon­trafagott. So sehr aber Schul­hoffs Kom­po­si­tio­nen der 20er Jahre im Mit­telpunkt des Inter­ess­es standen (und noch immer ste­hen), so unbekan­nt blieben bish­er seine musikalis­chen Wurzeln, aber auch die späteren Werke, mit denen er eine radikale linke Posi­tion zu verk­lan­glichen suchte.
Umso bemerkenswert­er ist nun die Veröf­fentlichung von zwei der wohl gewichtig­sten Früh­w­erke: den bei­den Vokal-Sin­fonien Land­schaften op. 26 WW 44 (1918/19) und Men­schheit op. 28 WW 48 (1919). Die eine ist dem im Krieg gefal­l­enen Köl­ner Stu­di­en­fre­und Ernst Kun­semüller gewid­met, die andere Karl Liebknecht, wom­it Schul­hoff poli­tisch Posi­tion bezieht. Die jet­zt vor­liegende hochkarätige Auf­nahme dieser Par­ti­turen bestätigt den Ein­druck, den ich von der Urauf­führung der Kom­po­si­tio­nen am 26. Novem­ber 1999 (!) im Sende­saal Masure­nallee des SFB behal­ten habe: hochro­man­tis­che, mehr oder weniger deut­lich an Mahler, Strauss und Zem­lin­sky gemah­nende, hochtem­perierte Aus­druck­swel­ten (nicht zufäl­lig ver­gle­ich­bar den eben­falls erst pos­tum uraufge­führten Orch­estergesän­gen op. 9 von Paul Hin­demith), die bisweilen auf den bei Schul­hoff doch so charak­ter­is­tis­chen melan­cholis­chen Ton­fall vorausweisen, den man jedoch nur zu gerne überhört.
Mehr als die Qual­ität der den Werken zugrunde liegen­den dich­ter­ischen Vor­la­gen überzeugt Doris Sof­fel, auch wenn ihre ein­fühlsame, bisweilen her­rlich fahl abge­dunkelte Stimme zu präsent abge­bildet wurde. Gerd Albrecht führt das Deutsche Sym­phonie-Orch­ester Berlin ohne falschen Klan­grausch durch die groß­for­mati­gen Par­ti­turen. Auch die Inter­pre­ta­tion der 1926 ent­stande­nen Edel­mann-Suite WW 79 mit Michael Rische am Klavier, sieben Bläsern und Schlag­w­erk überzeugt durch ihre nüchterne Spritzigkeit – sie bleibt allerd­ings auf dieser CD stilis­tisch ein Fremdkörper.
Michael Kube