Camille Saint-Saëns
L’Ancêtre
Jennifer Holloway (Sopran), Gaëlle Arquez (Mezzosopran), Hélène Carpentier (Sopran), Julien Henric (Tenor), Michael Arivony (Bariton), Matthieu Lécroart (Bassbariton), Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, The Philharmonique Chorus of Tokyo, Ltg. Kazuki Yamada
Schon zur deutschen Erstaufführung von L’Ancêtre („Die Alte“) 2019 durch die Theaterakademie August Everding war die Begeisterung über die letzte Oper von Camille Saint-Saëns im Prinzregententheater München groß. Damals spielte das Münchner Rundfunkorchester, ein regelmäßiger Partner der französischen Stiftung Bru Zane. Für die konzertante Aufführung 2024 am Uraufführungsort Monte-Carlo kam das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo zum Einsatz. Unter der Direktion des legendären Raoul Gunsbourg erklang das Werk erstmals am 24. Februar 1906 im dortigen Opernhaus.
Wie Bizet nutzte Saint-Saëns die ästhetischen Errungenschaften der späten Opéra-comique und der Opéra-lyrique in einer tödlichen Geschichte, für die er seinen Librettisten Lucien Augé de Lassus zu schroffer Kürze drängte. Auf den ersten Blick ist die vom Familienoberhaupt – der Ancêtre – befeuerte Rachewut, welche letztlich die eigene Sippe schädigt, ein Trendthema des Opernnaturalismus. Am besten nähert man sich dem 90-Minuten-Opus durch den Vergleich mit wesentlichen Kulturtendenzen um 1900, von denen Saint-Saëns sich bemerkenswerterweise fernhält. Also kein archaisierender Symbolismus, kein wagnerndes Musikdrama, keine lyrische Komödie, kein knalliges Effektstück. Gerade deshalb wirkt die mit Charisma und Melodik scharf konturierte Oper 120 Jahre nach ihrer Entstehung fast moderner als der Überschwang vieler Zeitgenossen Saint-Saëns’. Der affektiv zugespitzte Aufbau, eine lebendige Instrumentation und pointiertes Timing zeichnen die Partitur aus. Kazuki Yamada modelliert mit betörendem Kolorit, setzt aber auch grelle Konturen.
Hauptfigur ist das Familienoberhaupt Nunciata Fabiani, die in ihrem Clan auf Korsika den tödlichen Hass gegen die verfeindete Familie Pietra Néra am Glühen halten will. Am Ende erschießt Nunciata statt des Offiziers Tébaldo Pietra Néra ihre zweite Enkelin Vanina. Diese wirft sich zwischen die Großmutter und den von ihr geliebten Mann, der mit Vaninas Schwester Margarita liiert ist.
Die Besetzungsstrategien der neben bewährten Konstellationen immer nach Alternativen suchenden Leitung von Bru Zane zeigen Erfolge. Jennifer Holloway singt die Titel- und Überfigur Nunciata mit Aplomb und Eiseskälte. Gaëlle Arquez (Vanina), Hélène Carpentier (Margarita) und Julien Henric (Tébaldo) haben Leichtgewicht mit angemessener Fülle. Michael Arivony (Raphaël) und Matthieu Lécroart (Bursica) bereichern das Ensemble in den tieferen Stimmlagen.
Roland Dippel


