Schmelzer, Johann Heinrich

Lamento sopra la morte Ferdinandi III.

für Violine, 2 Violen, Organo e basso

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Walhall, Magdeburg 2005
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 83

Mit dieser Neuaus­gabe wird ein beson­ders schönes Werk des öster­re­ichis­chen Kom­pon­is­ten Hein­rich Schmelz­er (gest. 1680) zugänglich gemacht. Schmelz­er kam 1623 in Scheibbs, etwa hun­dert Kilo­me­ter west­lich von Wien zur Welt. Im Alter von 25 Jahren lässt er sich in Wien nach­weisen, wo er bald am kaiser­lichen Hof als Geiger eine Posi­tion erhält und Kar­riere macht: So hat er die Bal­lettmusiken zu den Hofopern zu liefern und wird auch zunehmend mit organ­isatorischen Auf­gaben betraut. Kurz vor seinem Tod wird er zum Hofkapellmeis­ter bestellt, eine Posi­tion, die seit langem aus­ländis­chen Spitzen­musik­ern vor­be­hal­ten geblieben ist.
Unter Kaiser Fer­di­nand III. wurde Schmelz­er in die Hof­musikkapelle aufgenom­men, weshalb der musikalis­che Nachruf auf den selb­st kom­ponieren­den Monar­chen nachvol­lziehbar ist. „Echte“ Trauer­musik find­en wir im ersten Abschnitt, der anfangs von kurzen, fast stock­enden Phrasen geprägt ist und erst im Ver­lauf zu immer län­geren Melodiebö­gen find­et. Auch die Tonart (h‑Moll) und der har­monis­che Ver­lauf stim­men schw­er­mütig. Fre­undlichere Töne bringt die ton­ma­lerisch einge­führte „Todten­glockh“, dargestellt durch die Zer­legung des G‑Dur-Dreik­langs über zehn Tak­te. Zwei bewegte Abschnitte teils poly­fon­er, teils vir­tu­os­er Gestal­tung fol­gen. Den Abschluss bildet wieder ein kurz­er, tröstlich anmu­ten­der Abschnitt, der auf den lamen­toar­ti­gen Anfang zurück­greift und zugle­ich nach h‑Moll zurück­führt.
Diese ergreifend schöne Sonate liegt seit Jahrzehn­ten im Band 105 der Rei­he Denkmäler der Tonkun­st in Öster­re­ich in Par­ti­tur vor und wird durch diese sehr schöne Aus­gabe, die mit großer Sachken­nt­nis von Kon­rad Ruh­land betreut wurde, endgültig für die Prax­is greif­bar. Der Noten­satz ist über­sichtlich, es gibt keine stören­den Wen­destellen. Die orig­i­nale Beset­zungsangabe im Titel kön­nte möglicher­weise der Ver­bre­itung im Wege ste­hen: Wohl kaum ist unter den „2 Violen“
an zwei Bratschen zu denken. Schmelz­er hat an die Beset­zung „Vio­line – 2 Gam­ben“ (für die zum Teil recht hohen Mit­tel­stim­men müssten entsprechend kleine Gam­ben­typen gewählt wer­den) und Gen­er­al­bass gedacht. Die im Titel genan­nte „Orgel“ ist durch Cem­ba­lo und/oder Laute erset­zbar.
Heutzu­tage lässt sich das Werk am besten mit zwei Geigen, Vio­la und Gen­er­al­bass aus­führen. In let­zter Zeit wird es wieder üblich, so wie im Barock den Gen­er­al­bass nicht auszuset­zen. Das set­zt einen Spiel­er voraus, der die notwendi­ge impro­visatorische Erfahrung besitzt, den nicht ger­ade üppig bez­if­fer­ten Bass har­monisch auszudeuten. Faz­it: eine sehr schöne Musik, eine ver­lässliche Aus­gabe, die aber ein gutes Fach­wis­sen voraus­set­zt.
Mar­i­anne und Ernst Kubitschek-Rônez