Schneider, Klaus

Länder und Völker in der Programmusik

Ein bibliographisches Lexikon

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr, Köln 2012
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 66

Der neuen Pub­lika­tion von Klaus Schnei­der durfte man erwartungsvoll ent­ge­gense­hen, hat er sich doch mit seinen bish­er bei Bären­re­it­er erschiene­nen drei mate­ri­al­re­ichen Verze­ich­nis­sen zur Pro­gram­m­musik auf diesem Gebi­et längst einen Namen gemacht. Die ersten bei­den Bände enthal­ten nach Stof­fen, Motiv­en, Fig­uren und Per­so­n­en gegliederte Werk­lis­ten, und im anschließen­den Lexikon Musik über Musik beschäftigte sich Schnei­der mit Vari­a­tion­szyklen, Tran­skrip­tio­nen, Hom­ma­gen oder Kom­po­si­tio­nen zum B‑A-C-H-The­ma. Dass auch Land­schaften, Regio­nen, Berge, Län­der, Städte, Bauw­erke, Seen oder Flüsse beson­ders im 19. und 20. Jahrhun­dert als Ideenge­ber für Kom­pon­is­ten dien­ten, ist zwar hin­länglich bekan­nt: So ver­ar­beit­ete Felix Mendelssohn Bartholdy seine Reiseein­drücke etwa in ein­er Schot­tis­chen und ein­er Ital­ienis­chen Sin­fonie, Franz Liszt geleit­et uns in seinen Années de pel­leri­nage auf eine mitunter spir­ituelle Reise durch Mit­teleu­ropa, Bedrich Smetana set­zte sein­er Heimat mit dem grandiosen Zyk­lus Mein Vater­land ein tönen­des Denkmal und Ottori­no Respighi schuf mit drei sin­fonis­chen Dich­tun­gen eine klangvolle Hom­mage an Rom.
Dass es aber auf der Erde wirk­lich kaum eine Örtlichkeit gibt, die ohne musikalis­chen Wider­hall geblieben ist (ob Färöer- oder Ton­ga-Inseln, Transsil­vanien oder Grand Canyon, Ganges oder Ohio, Nan­ga Par­bat oder Fujiya­ma), das wird hier akribisch belegt. Hinzu kom­men die zeitlich früher ent­stande­nen und wesentlich unspek­takulär­eren Beispiele mit region­al­typ­is­chen Anklän­gen, bei denen es sich dann meist um Tanz­musik (beispiel­sweise Polon­aisen) oder Para­phrasierun­gen volk­stüm­lich­er Lieder han­delt (etwa in Zusam­men­hang mit Schot­t­land das Auld lang syne).
Doch damit gibt sich Schnei­der längst nicht zufrieden: Er weist außer­dem recht äußer­liche Verbindun­gen nach, wie etwa das „Dres­den­er“ bzw. „Darm­städter“ Konz­ert von Johann Friedrich Fasch, wobei die Manuskript­fundorte titel­gebend sind, oder unter dem Stich­wort „Europa“ das als „Euro­vi­sions-Fan­fare“ aus dem Fernse­hen bestens bekan­nte Prélude aus Marc-Antoine Char­p­en­tiers Te Deum; im Abschnitt „Schwarzafrikan­er“ find­et sich eine Sonata mulat­ti­ca, die Lud­wig van Beethoven einem Vio­lin­vir­tu­osen entsprechen­der Herkun­ft zueignen wollte, die aber heute nach dem späteren Wid­mungsträger als „Kreutzer-Sonate“ op. 47 bekan­nt ist.
Der Stoff ist also uner­messlich, und deshalb wäre ein grundle­gen­der Essay zu dem The­ma noch ganz hil­fre­ich gewe­sen – aber das kann mith­il­fe der unge­heuren Mate­ri­al­samm­lung nun ein ander­er nach­holen. Die bewährte Auf­machung des Lexikons ist auch nach dem Ver­lagswech­sel gle­ich geblieben: sys­tem­a­tisch gegliedert­er Inhalt (hier nach Erdteilen, Län­dern, Seen, Flüssen und Städten), vielfach knappe Erläuterun­gen zu den einzel­nen Stück­en, bib­li­ografis­che Angaben. Lei­der verzichtete man weit­er­hin auf Illus­tra­tio­nen, was sich bei diesem The­ma wegen der kün­st­lerisch oft­mals anspruchsvollen Titel­seit­en alter Aus­gaben und ihren „touris­tis­chen“ Motiv­en sehr gelohnt hätte.
Georg Günther