Maurice Ravel
La Valse. Poème chorégraphique pour orchestre
Urtext, hg. von Douglas Woodfull-Harris, Partitur
Hier ist eine neue Urtext-Ausgabe des zwischen 1906 und 1920 entstandenen Orchesterwerks La Valse von Maurice Ravel, dessen Geburtstag sich im vergangenen Jahr zum 150. Mal jährte. Das Werk sollte zunächst „Wien“ heißen, was aber durch den Ersten Weltkrieg unmöglich wurde. Auch sollte es ein Ballett werden, was aber mit Blick auf die berühmten Worte von Serge Diaghilew nicht passend erschien: „Ravel, das ist ein Meisterwerk, aber kein Ballett. Das ist das Abbild eines Balletts, das Gemälde eines Balletts.“
Es handelt sich um eine musikalische Verbeugung vor dem 50 Jahre vor Ravel geborenen Johann Strauß (Sohn), der damals von den Wiener Komponisten „immer noch der populärste“ in Frankreich war, wie Ravel 1920 in einem Interview mit der Wiener Zeitung Neue Freie Presse zu Protokoll gab: „Ich verehre und liebe seine Walzer, die bei uns jeder kennt.“ In jenem Jahr besuchte der Franzose nämlich erfolgreich die österreichische Hauptstadt, gab gemeinsam mit Alfredo Casella die Uraufführung von La Valse an zwei Klavieren (unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Arnold Schönbergs „Verein für musikalische Privataufführungen“) und feierte fröhlich beim Heurigen.
Ravel ließ sich bei der Komposition nur vom Bauplan, den harmonischen Wendungen und rhythmischen Mustern sowie geläufigen melodischen Formeln der Werke des Walzerkönigs anregen, verzichtete aber auf Zitate oder gar Übernahmen. Am Ende fügte er eine ungeheure Stretta (ab Ziffer 100) an und bringt darin das Tanzmuster ungebremst zum Bersten, ähnlich wie später im Boléro.
Diese wissenschaftlich-kritische Ausgabe stützt sich als Hauptquelle auf die Handschrift der orchestrierten Fassung, die dem Komponisten als Vorlage für vorläufige handschriftliche Orchesterstimmen sowie als Stichvorlage für die Erstausgabe diente. Zunächst entstand aber die Fassung für Klavier zu zwei Händen – zugleich Ravels Ausgangsbasis für die Orchesterfassung, später arrangierte er das Werk für Klavier zu vier Händen.
Als besonders spannende Quelle entdeckte der Herausgeber Douglas Woodfull-Harris eine 1921 gedruckte Partitur mit Stimmen, die Ravel verwendet hatte, als er La Valse am 3. Februar 1928 selbst in San Francisco dirigierte. Sie enthält nur wenige Einträge, was zeigt, wie korrekt die Erstausgabe offenbar bereits war. Mit Bleistift hat jemand mehrere Spieldauern eingetragen – alle kaum über zehn Minuten, also deutlich schneller als üblich, auch die vorliegende erstklassige Ausgabe nennt „ca. 13 min.“.
Ingo Hoddick


