Mozart, Wolfgang Amadeus

La finta giardiniera

Live from the Zürich Opera House 2006, 1 Blu-ray Disc

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Arthaus Musik 108 044
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 75

Sie ist Mozarts erste gewichtige Opera buf­fa, die 1775 kom­ponierte La fin­ta gia­r­diniera, die in ihrer lange fast auss­chließlich bekan­nten deutschen Fas­sung Die Gärt­ner­in aus Liebe hieß. Erst im späten 20. Jahrhun­dert wurde die voll­ständi­ge ital­ienis­che Ver­sion aufge­fun­den, sodass es noch gar nicht so lange her ist, dass die Oper in ihrer eigentlichen Gestalt wieder gespielt wer­den kann. Sei­ther allerd­ings gewin­nt sie im Mozart-Reper­toire den ihr gebühren­den Platz, denn es ist ein gewichtiges und bedeu­ten­des Werk. Es ist ein Dram­ma gio­coso ganz wie der Don Gio­van­ni. Das heißt, es gibt ein ern­stes Paar (Armin­da und Ramiro, die Seria-Arien sin­gen), ein komis­ches (Ser­pet­ta und Nar­do) sowie eines von gemis­chtem Charak­ter, das ern­ste und heit­ere Num­mern hat (San­d­ri­na und der Graf). Dazu kommt der Podes­ta als komis­ch­er Alter.
Die vor­liegende Blu-ray-Disc doku­men­tiert eine der wesentlichen Pro­duk­tio­nen der Oper in jüng­ster Zeit, die im Mozart-Jahr 2006 an der Zürich­er Oper aufgenom­men wurde. Am Pult ste­ht Niko­laus Harnon­court, der just in Zürich vor über 30 Jahren mit seinen epochalen Ein­studierun­gen von Mozarts Opern begonnen hat­te. Er leit­et das Orig­i­nalk­lan­gensem­ble La Scin­til­la, das aus Mit­gliedern des Zürich­er Oper­norch­esters beste­ht und den dor­ti­gen Auf­führun­gen von Opern des Barocks und der Klas­sik den adäquat­en klan­glichen und stilis­tis­chen Rah­men gibt. Harnon­court dirigiert auch hier einen drama­tisch akzen­tu­ierten und bis ins kle­in­ste Detail höchst pointierten Mozart, der die ange­sproch­enen sehr unter­schiedlichen Charak­tere und Affek­te der Musik wirkungsvoll auf den Punkt bringt. Den Hang zu ein­er nicht unprob­lema­tis­chen Ver­bre­iterung der Zeit­maße, wie bei Harnon­courts Salzburg­er Mozart-Auf­führun­gen mit den Wiener Phil­har­monikern, gibt es hier erfreulicher­weise nicht.
Zu sehen ist eine Insze­nierung des vor allem als Schaus­piel­er (Kom­mis­sar Rex) bekan­nten Tobias Moret­ti. Im Unter­schied zu Doris Dör­ries Salzburg­er Insze­nierung von 2006, die aus dem Stück einen krassen Spaß im Bau­markt machte, nimmt Moret­ti die Geschichte der Adeli­gen, die sich als Gärt­ner­in verd­ingt und mit anse­hen muss, wie ihr Geliebter, der sie von sein­er eige­nen Hand getötet glaubt, eine andere heirat­en will, sehr ernst. Er ver­legt den Stoff in die Gegen­wart und find­et aller­hand orig­inelle und aus­drucksvolle Ein­stel­lun­gen, um die Hin­ter- und Abgründe der Oper zu erhellen. Die komis­chen Facetten wirken denn auch hier eher sarkastisch und iro­nisch gebrochen als unbeschw­ert lustig.
Aus der vorzüglichen Beset­zung ragt Eva Mei als über­aus empfind­ungs tiefe San­d­ri­na her­aus. Christoph Strehl überzeugt als Graf durch den Wohllaut seines Tenors. Isabel Rey und Lil­iana Nikiteanu ver­mit­teln dem Seria-Paar das notwendi­ge Gewicht. Beson­ders kess im Spiel und sän­gerisch schillernd gibt Julia Kleit­er der Ser­pet­ta zwin­gen­des Pro­fil. Rudolf Schasching ist ein her­rlich aufge­blasen agieren­der Podes­ta, Gabriel Bermúdez singt den Nar­do mit gefäl­ligem Bari­ton.
Bedauer­lich an dem schö­nen und ver­di­en­stvollen Mitschnitt aus Zürich ist nur, dass es keine Bonus-Tracks gibt.

Karl Georg Berg