Dutilleux, Henri

L’arbre des songes

Concerto pour violon et orchestre (1983/85), Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 1985
erschienen in: das Orchester 01/2013 , Seite 70

Hen­ri Dutilleux (geb. 1916) gab seinem Vio­linkonz­ert, das zu den erfol­gre­ich­sten neueren Konz­erten schlechthin zählt, bere­its fest im Reper­toire einiger der besten Geiger etabliert ist und in mehreren Ein­spielun­gen auf Ton­trägern vor­liegt, den selt­sam-rät­sel­haften Titel L’arbre des songes (wörtlich: Der Baum der Träume). Das ist eine Meta­pher, die recht genau den gle­ich­sam veg­e­ta­tiv­en Habi­tus und die weit verzweigte kom­po­si­tion­stech­nis­che Fak­tur des Werks benen­nt, wie sie gle­ich mit den ersten Tak­ten durch die Solovi­o­line ins Werk geset­zt wer­den: Dutilleux wieder­holt die erste Phrase rück­läu­fig, und auf solche Weise spin­nt sich die Musik gewis­ser­maßen wie von selb­st fort. So frei, ungezwun­gen und voller Über­raschun­gen sich der musikalis­che Ver­lauf auch gibt, so beziehungsre­ich entwick­elt er sich fort.
Dabei wirkt das ein­sätzig durchkom­ponierte Werk mit seinen sieben Abschnit­ten (vier Haupt­teile, zwis­chen denen drei Inter­lu­di­en ver­mit­teln) dur­chaus wie eine sin­fonis­che Dich­tung mit der Solovi­o­line als Pro­tag­o­nistin, die das außeror­dentlich reiche, auch abwech­slungsre­iche, fan­tasievolle musikalis­che Geschehen anführt, ohne es in jedem Moment zu dominieren. Entsprechend kommt es auch zu unge­mein reizvollen solis­tisch-orches­tralen Wech­sel­wirkun­gen wie etwa zum Duett von Solo­geige und Oboe d’amore im drit­ten Haupt­teil „Lent“, in welchem sich die Oboe der Solo­geige wie ein Schat­ten anschmiegt und ihr fol­gt. Dutilleux ver­liert – bei aller Moder­nität – auch niemals das Idioma­tis­che der geigerischen Spiel­weise aus dem Blick. Das geht sog­ar so weit, dass er im drit­ten Inter­ludi­um in ein­er leicht aleatorisch gestal­teten Pas­sage auch noch das Stim­men der Solo­geige gewis­ser­maßen auskom­poniert. Wie nur weni­gen zeit­genös­sis­chen Kom­pon­is­ten gelingt es Dutilleux, die musikalis­che Fortschrit­tlichkeit zugle­ich als eine Erneuerung von Tra­di­tion auszuweisen.
Der große Erfolg dieses kom­po­si­tion­stech­nisch-stilis­tisch aus dem Vollen schöpfend­en, gewis­ser­maßen „inklu­siv“ gestal­teten Werks ist also wohlbe­grün­det, und umso dankbar­er muss man dem Schott-Ver­lag sein, dass er nun eine Taschen­par­ti­tur mit ein­er Ein­leitung von Dutilleux pub­liziert hat, die mit her­vor­ra­gen­der Typografie alle Wün­sche erfüllt. (Das Fak­sim­i­le ein­er Noten­seite aus der Orig­i­nal­par­ti­tur find­et sich übri­gens bei Pier­rette Mari: Hen­ri Dutilleux, Paris 1988, S. 174.) Sie ermöglicht vor allem auch das Studi­um der schlech­ter­d­ings bril­lanten Instru­men­tierung, die sich auf eine rel­a­tiv kon­ven­tionelle Orch­esterbe­set­zung stützt und fast nur durch einen reichen Schlagzeug­part (mit Vibra­fon), durch Zim­bal und durch Klavier erweit­ert ist. Freilich erfordert die häu­fige homorhyth­mis­che Führung der Instru­mente und sog­ar Instru­menten­grup­pen größt­mögliche Präzi­sion des Orch­ester­spiels.
Gisel­her Schubert