Der Kulturtourismus ist im Wandel. Mit Angeboten abseits des klassischen Kulturbetriebs versuchen Veranstalter, auf sich verändernde Bedürfnisse von Reisenden zu reagieren. Doch gelingt es tatsächlich, Personenkreise jenseits des traditionellen Kulturpublikums zu erreichen? Und besteht am Ende gar die Aussicht auf einen Transfer zurück in den Kulturbetrieb? Dieser Band nimmt bisher in der Diskussion vernachlässigte Erscheinungsformen des Kulturtourismus in den Blick, die sich einer typischen Klassifizierung mittels Sparten und Institutionen entziehen. Ein erhellender Beitrag zur Debatte um die Herausforderungen des Kulturtourismus.

Armin Klein/Yvonne Pröpstle/ Thomas Schmidt-Ott (Hg.)

Kulturtourismus für alle?

Neue Strategien für einen Wachstumsmarkt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Transcript
erschienen in: das Orchester 04/2018 , Seite 58

Ursprünglich ging es im Kul­tur­touris­mus darum, wie klas­sis­che Kul­turein­rich­tun­gen, also Opern­häuser, The­ater, Konz­erthäuser oder Museen, Touris­ten als poten­zielle Besuch­er erre­ichen und gewin­nen. Im Musik­bere­ich fol­gte
in den ver­gan­genen 30 Jahren die Grün­dung der großen Klas­sik­fes­ti­vals, deren Entwick­lung ganz über­wiegend auch eine touris­tis­che Erfol­gs­geschichte ist. Darüber hat sich der Schw­er­punkt des Kul­tur­touris­mus ver­lagert: Heute über­legen die Reise- und Freizei­tan­bi­eter, welche Kul­tur­ange­bote sie (auch) entwick­eln müssen, um bes­timmte Kun­den­grup­pen (neu) zu erschließen.
Hieß es beim leg­endären Frank­furter Kul­tur­dez­er­nen­ten Hilmar Hoff­mann noch: „Kul­tur für alle“, geht es heute um „Kul­tur­touris­mus für alle“, verse­hen mit einem Frageze­ichen. Die drei Her­aus­ge­ber mit Hin­ter­grün­den von Lehre und Forschung, Kul­tur­a­gen­tur und Kreuz­fahrt­touris­mus haben eine inter­es­sante Vielfalt von Autoren zusam­menge­bracht, um aktuelle Ten­den­zen kul­tur­touris­tis­ch­er Poten­ziale zu beleucht­en. Im ersten Abschnitt geht es um das Kul­tur­erleb­nis auf Reisen, welch­es noch am ehesten dem klas­sis­chen Ver­ständ­nis von Kul­tur­touris­mus entspricht. Bir­git Man­del beispiel­sweise sieht die touris­tis­chen Kul­turbe­such­er als eine Chance der Öff­nung von Kul­turein­rich­tun­gen für ein sozial divers­es Pub­likum, denn große Teile der Touris­ten seien „Auch- und Zufall­skul­tur­touris­ten“. Hierin liege eine Chance für die Kul­turein­rich­tun­gen, die es strate­gisch zu nutzen gelte. Melanie Kölling stellt das Besucher­erleb­nis in den Mit­telpunkt, welch­es aber gut durch­dacht und „designt“ sein will, um glück­liche und wiederkehrende Besuch­er zu schaf­fen. Armin Klein meint, dass ein wenig mehr Unter­hal­tung bei der Ver­mit­tlung keinen Ver­rat an Bil­dung und Kul­tur darstelle. Die Kul­turbe­triebe seien gut berat­en, sich kreativ und pro­duk­tiv, aber ohne ihren Bil­dungsanspruch zu begraben, darauf einzu­lassen.
Der zweite Abschnitt befasst sich mit Kun­st und Kul­tur auf hoher See, ins­beson­dere also dem immer bre­it­er gefächerten Kul­tur­ange­bot auf Kreuz­fahrtschif­f­en, entsprechen­der Mark­t­forschung dazu sowie dem Spezialthe­ma von Even­tkreuz­fahrten. Im drit­ten Abschnitt geht es darum, wie Geschichte(n) – auch ohne Muse­um – erzählt wer­den kön­nen, beispiel­sweise in ein­er bes­timmten Region, für Film-Touris­ten (beliebte Reisen an Orig­i­nal-Drehorte) oder bei Freizeit- und The­men­parks. Die let­zten bei­den Abschnitte behan­deln auf bes­timmte Ziel­grup­pen zugeschnit­tene Hotelkonzepte und die Dig­i­tal­isierung im Kul­tur­touris­mus.
Das lesenswerte Buch gibt zahlre­iche Anre­gun­gen auch für etablierte Kul­turbe­triebe, die ihr touris­tis­ches Entwick­lungspoten­zial noch nicht oder erst ansatzweise erschlossen haben. Man kann sich als Ver­ant­wortlich­er in einem Orch­ester oder Konz­erthaus von den Beiträ­gen sehr gut inspiri­eren lassen, touris­tis­ches Kul­tur­pub­likum jen­seits der üblichen regionalen Ziel­grup­pen bess­er anzus­prechen.
Ger­ald Mertens