Sibelius, Jean

Kullervo

Symphonic Poem for Soloists, Chorus & Orchestra op. 7

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 777 196-2
erschienen in: das Orchester 09/2007 , Seite 87

Obwohl Sibelius nicht der erste Kom­pon­ist war, der sich mit dem finnis­chen Nationale­pos Kale­vala beschäftigte, so ist er doch mit einigem Abstand der­jenige Kom­pon­ist, der sich am stärk­sten durch die archais­chen Runen anre­gen ließ. Erst­mals schlägt sich dies nieder in der weit über ein­stündi­gen Kuller­vo-Par­ti­tur – einem Werk, das irgend­wo zwis­chen (szenis­ch­er) Kan­tate und sin­fonis­ch­er Dich­tung anzusiedeln ist, bei dem aber Sibelius nach­drück­lich darauf bestand, dass es sich um eine „Sin­fonie (nicht Suite)“ han­delt. Das muss über­raschen, bedenkt man die fün­f­sätzige Dis­po­si­tion, den lit­er­arischen Vor­wurf und die Ein­beziehung von Chor und Solis­ten. Jedoch macht die von ihm in Anschlag gebrachte Gat­tungs­beze­ich­nung, die übri­gens auf dem Manuskript eige­nar­tiger­weise fehlt, klar, wo Sibelius die Kom­po­si­tion musikhis­torisch verortet wis­sen wollte – näm­lich in der Nach­folge von Beethovens 9. Sin­fonie und den von ihr aus­ge­hen­den Werken.
Sibelius, der mit Schwedisch als Mut­ter­sprache aufwuchs, ver­dankt das Inter­esse an der Kale­vala vor allem sein­er Ver­lobten Aino Järne­feld, die der nationalen Idee eng ver­bun­de­nen war (Finn­land war noch Ende des 19. Jahrhun­derts als Großfürsten­tum Teil des rus­sis­chen Zaren­re­ichs). Im Herb­st 1890 – ein­er Zeit, in der er in Wien bei dem Brahms-Anhänger Robert Fuchs seine handw­erk­lichen Fähigkeit­en ver­vol­lkomm­nete – berichtete er ihr: „Es ist gut, dass Sie die finnis­che Sprache und finnis­che Dinge lieben. Ich kann Sie so gut ver­ste­hen […] Ich lese sorgfältig in meinem Kale­vala, und füh­le, dass ich Finnisch schon viel bess­er ver­ste­he. […] Das Kale­vala scheint mir ein sehr mod­ernes Werk zu sein. Es liest sich wie rein­ste Musik, wie ein The­ma mit Vari­a­tio­nen.“
Ger­adezu prophetisch für das weit­ere Œuvre und dessen Rezep­tion liest sich dann die erste Ankündi­gung von Kuller­vo am 15. April 1891: „Ich arbeite jet­zt an ein­er neuen Sym­phonie, ganz im finnis­chen Geist.“ Warum Sibelius nach ins­ge­samt sechs (erfol­gre­ichen) Auf­führun­gen das Werk dann in der Schublade ver­schwinden ließ, ist bis heute nicht ganz gek­lärt. Denn bere­its hier find­et sich jen­er charak­ter­is­tis­che Ton­fall, der for­t­an das weit­ere Schaf­fen bes­tim­men sollte. Zudem spricht aus der Par­ti­tur eine unge­mein frische, unge­bändigte rhyth­mis­che Kraft, wie auch eine reiche Klang­fan­tasie (ganz abge­se­hen vom sicheren drama­tis­chen Gespür) – Eigen­schaften, die auch die Ein­spielung der Staat­sphil­har­monie Rhein­land-Pfalz unter ihrem Chefdiri­gen­ten Ari Rasi­lainen ausze­ich­nen. Dies bet­rifft auch die durch­sichtige Auf­stel­lung des Klangkör­pers, mit der auch so manch­es Risiko einge­gan­gen wurde. Sich­er ist aber vor allem, dass sich die Pro­duk­tion auch angesichts der inzwis­chen in erstaunlich­er Zahl vor­liegen­den Ver­gle­ich­sein­spielun­gen einen sicheren Platz im CD-Regal erobern wird. Plus­punkt: der voll­ständig und in Über­set­zun­gen abge­druck­te Gesang­s­text.
Michael Kube