Miehling, Klaus

Konzert in g für Barockfagott, barockes Streichorchester und Basso continuo op. 168 (2009)

Partitur/Solo-Fagott/Streicherstimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Goldbach Verlag, Wiesbaden 2009
erschienen in: das Orchester 05/2011 , Seite 71

Das Kom­ponieren „im alten Stil“, die Auseinan­der­set­zung mit den musikalis­chen Mit­teln der Ver­gan­gen­heit, hat eine lange Tra­di­tion. Die Beweg­gründe für diese kreativ­en „Zeitreisen“ waren und sind höchst unter­schiedlich, doch im Vor­wort zu sein­er Par­ti­tur bringt Klaus Miehling einen neuen Aspekt ins Spiel – es sind seine Vor­be­halte gegen die Neue Musik, das heißt die Musik der ver­gan­genen hun­dert Jahre: „Gebraucht wird sie nicht, geliebt eben­so wenig.“ Hier ist nicht der geeignete Ort, diesen pointierten Stand­punkt zu disku­tieren, doch soll der Ver­such unter­nom­men wer­den, der vom Kom­pon­is­ten gestell­ten Frage: „Kommt es nicht auf das Werk selb­st an und wie es auf den Hör­er wirkt?“ am konkreten Beispiel ern­sthaft nachzuge­hen.
Das Konz­ert fol­gt in sein­er Anlage dem dreisätzi­gen Typus, wie er sich im frühen 18. Jahrhun­dert von Ital­ien aus ver­bre­it­ete. Ein his­torisches Instru­men­tar­i­um, wie es der Werk­ti­tel zunächst ver­muten lässt, ist nicht erforder­lich. Ein aus­ge­set­zter Gen­er­al­bass zeigt, dass der Kom­pon­ist sich nicht nur an Spezial­is­ten wen­det. Der sorgfältig notierten Bez­if­fer­ung wer­den merk­würdi­ger­weise an eini­gen Stellen Pausen für die rechte Hand zuge­ord­net, auch sind nicht alle Akko­rde voll­ständig aus­ge­führt. Gele­gentliche Ver­stöße gegen klas­sis­che Stimm­führungsregeln bleiben im Hin­ter­grund des klan­glichen Geschehens, und so lässt sich nicht entschei­den, ob hier Absicht oder Zufall vor­liegen.
Ein acht­tak­tiges Ritor­nell stellt das the­ma­tis­che Mate­r­i­al des ersten Satzes vor, wobei die bewegte Bassstimme das The­ma des Solis­ten vor­weg­n­immt. Wenige kle­ingliedrige Motive beherrschen den gesamten Satz, sie wer­den wieder­holt und sequen­ziert, wobei sie meist sehr tra­di­tionellen Mustern fol­gen, was einige über­raschende Akko­rd­fol­gen auf eng­stem Raum umso deut­lich­er her­vortreten lässt. Abge­se­hen von gele­gentlichen Imi­ta­tio­nen sowie einem dre­itak­ti­gen Kanon zwis­chen Fagott und Bratsche ergibt der Stre­ich­er­satz das Bild eines instru­men­tierten Gen­er­al­bass­es.
Der zweite Satz, eine Mar­cia funèbre, ist vom ersten bis zum let­zten Takt geprägt durch ein einziges rhyth­mis­ches Motiv. Über diesem Gerüst ent­fal­tet das Fagott eine schlichte Melodik, deren unter­schiedlich lange Phrasen einen gewis­sen Kon­trast zur Monot­o­nie des Stre­ich­er­satzes bilden. In allen Stim­men dominieren die dun­klen Klang­far­ben, das Fagott wird bis zum Kon­tra-B geführt. Der let­zte Satz, ein Fuga­to, wird durch ein vier­tak­tiges The­ma eröffnet, dessen sich kein Barock­meis­ter schä­men müsste. Die allzu regelmäßige Anlage der Expo­si­tion hat dann aber eher den Charak­ter ein­er Ton­satzübung. In den Zwis­chen­spie­len wird dann wieder inten­siv sequen­ziert nach Mustern, die schon aus dem ersten Satz bekan­nt sind. Über­raschende Zwis­chen­dom­i­nan­ten dienen dazu, bes­timmte Ziel­tonarten auf schnell­stem Weg zu erre­ichen. Ein Ansatz zu einem dreis­tim­mi­gen Kanon bleibt nach weni­gen Tak­ten steck­en. Eine kleine Stret­ta bringt es dann noch ein­mal auf den Punkt: ein munteres Auf und Ab in ein­er sehr eng begren­zten musikalis­chen Welt.
Jür­gen Hinz