Elgar, Edward

Konzert in e

für Violoncello und Orchester op. 85, Urtext, Partitur/Kritischer Bericht/Bearbeitung für Violoncello und Klavier vom Komponisten

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2005
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 79

„Love – Joy – Pow­er – Knowl­edge“ notierte die englis­che Cel­listin Beat­rice Har­ri­son als vier­fache Head­line in ihre Solostimme des Cel­lokonz­erts von Edward Elgar. Zwar hob nicht sie, son­dern Felix Salmond das Werk im Jahr 1919 aus der Taufe, doch dürfte Meis­ter Elgar eine beson­dere Sym­pa­thie für ihre Inter­pre­ta­tion emp­fun­den haben, denn er engagierte Beat­rice Har­ri­son zweimal (1919 und 1928) zu Auf­nah­men jenes Werks, das bis heute zu den pop­ulärsten Cel­lokonz­erten zählt und als Abge­sang sowohl auf das vik­to­ri­an­is­che Empire als auch auf die roman­tis­che Hoch-Zeit des Cel­lospiels gehört wer­den mag.
Allein der Abdruck jen­er mit Anmerkun­gen und Fin­ger­sätzen reich­lich bedeck­ten Seite 1 der har­rison­schen Cel­lostimme im Kri­tis­chen Bericht der vor­liegen­den Neuaus­gabe lässt Zeit­geist und Atmo­sphäre spür­bar wer­den, vor deren Hin­ter­grund das ver­meintlich „unzeit­gemäße“ Werk ent­stand. Doch der Kri­tis­che Bericht bietet noch mehr authen­tis­ches Mate­r­i­al: neben eini­gen Skizzen aus Elgars Entwurf für Vio­lon­cel­lo und Klavier vor allem die kom­plette Ur-Solostimme von Elgars Hand, aus der Salmond die Pre­miere des Stücks spielte und in der sich zahllose Ein­tra­gun­gen von Solist und Kom­pon­ist find­en.
Im zweit­en Teil des fast 50 Seit­en umfassenden Kri­tis­chen Berichts fol­gen eine detail­lierte Beschrei­bung der Quellen und deren Auswer­tun­gen sowie auf­schlussre­iche Anmerkun­gen zur Quellen-Hier­ar­chie im Zusam­men­hang mit der Edi­tion des Solo- und des Orch­ester­parts. Eines muss der inter­essierte Leser allerd­ings mit­brin­gen: gute Englis­chken­nt­nisse. Da der Bericht zweifel­los die zurzeit kom­pe­ten­teste Darstel­lung der Entste­hungs- und Quel­len­lage enthält und sich gele­gentlich ger­adezu span­nend liest – dann, wenn uns Her­aus­ge­ber Jonathan Del Mar über Elgars Schul­ter schauen lässt –, wäre eine Über­set­zung ins Deutsche wün­schenswert.
In zusam­menge­fasster Form find­en wir die Darstel­lung der wichtig­sten Quellen (d. h. der auto­grafen Par­ti­turen und Stim­men sowie Erst­drucke) auch im Vor­wort der Par­ti­tur, des gewichtig­sten Teils dieses hin­sichtlich seines edi­torischen Werts und sein­er Präsen­ta­tion hoch zu loben­den (wiewohl nicht bil­li­gen!) neuen Bären­re­it­er-Sets. Beson­ders dankenswert ist die Pub­lika­tion von Teil 3: die durch Elgar selb­st erstellte Ver­sion des Konz­erts für Vio­lon­cel­lo und Klavier. Keine nachträgliche Bear­beitung des fer­ti­gen Werks, kein Klavier­auszug, son­dern eine zeit­gle­ich mit der Orch­ester­par­ti­tur ent­standene Fas­sung, die allein mit Blick auf Auf­führun­gen im Rah­men des Hochschul­studi­ums bzw. von Prü­fun­gen wesentlich höhere Authen­tiz­ität gewährleis­tet, wenn nur ein Klavier zur Ver­fü­gung ste­ht.
Mit dieser Aus­gabe liegt eines der großen Werke des Cel­loreper­toires nun in ein­er vor­bildlichen, auf echter Quellen-Diskus­sion basieren­den Edi­tion vor. Wie erhel­lend und für den Inter­pre­ten bedeut­sam dies sein kann, zeigen die Erwä­gun­gen rund um zwei sig­nifikante Stellen (Takt 40, Takt 78) im 2. Satz des Konz­erts, an denen wohl alle Solis­ten dieser Welt das gle­iche tun: abbrem­sen! Jonathan Del Mar spricht hier vom „most severe dilem­ma for the inter­preter in the entire work“ und rekur­ri­ert in sein­er Diskus­sion auch auf die bei­den autorisierten Auf­nah­men mit Beat­rice Har­ri­son. Auf diese Weise ver­mit­telt er uns zumin­d­est „knowl­edge“, genau betra­chtet aber auch „pow­er“, „joy“ und „love“.
Ger­hard Anders