Beethoven, Ludwig van

Konzert in C für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester “Tripelkonzert” op. 56

Urtext, hg. von Jonathan Del Mar, Partitur / Klavierauszug mit Stimmen / Critical Commentary

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2012
erschienen in: das Orchester 07-08/2012 , Seite 73

In den ver­gan­genen Jahren hat Lud­wig van Beethovens „Tripelkonz­ert“ C‑Dur op. 56 an Pop­u­lar­ität deut­lich einge­büßt, bed­ingt möglicher­weise durch die immer wieder schw­er zu erzie­lende Bal­ance zwis­chen den Soloin­stru­menten. Jonathan Del Mars Neuedi­tion räumt mit den let­zten Schlampigkeit­en in Sachen Par­ti­tur auf, auch mit den weni­gen Prob­le­men, die noch in der Neuen Beethoven-Aus­gabe (1968) ste­hen geblieben waren. Sein­erzeit waren noch in hohem Maße vere­in­heitlichende Artiku­la­tion­sze­ichen ergänzt wor­den, eine Tech­nik, der die neuere Edi­tion­stech­nik dif­feren­ziert­er zu begeg­nen sucht. Auch wur­den Akzente und „Schu­bert-Gabeln“ unzuläs­sig vere­in­heitlicht.
Del Mar hat alle heute bekan­nten Quellen (inklu­sive ein­er erst in jüng­ster Zeit aufge­taucht­en) aus­gew­ertet und bemüht sich um eine Wieder­her­stel­lung des von Beethoven intendierten Urtextes. Erst 1836 war die erste Par­ti­tu­raus­gabe des Konz­erts erschienen und das erhal­tene Quel­len­ma­te­r­i­al aus Beethovens Zeit­en bietet in manch­er Hin­sicht Schwierigkeit­en, die Del Mar allerd­ings mit beein­druck­ender Logik über­wun­den zu
haben scheint.
Auch über­raschende „Säu­berun­gen“ musste Del Mar vornehmen. So hat­te die alte Beethoven-Gesam­taus­gabe 1864 an ein­er Stelle im Klavier­part des ersten Satzes frei impro­visiert, um eine Art „Wasserze­ichen“ anzubrin­gen, anhand der­er die Kopi­en nach der Aus­gabe leicht iden­ti­fiziert wer­den kon­nten; bis zur neuen Gesam­taus­gabe hat­ten sich Teile dieses „Wasserze­ichens“ per­pe­tu­iert, und voller Beschei­den­heit hofft Del Mar nun, alle Rest­spuren dieses Wasserze­ichens beseit­igt zu haben. Par­ti­tur, Klavier­auszug (von Mar­tin Schel­haas) und Solostim­men­ma­te­r­i­al der neuen Aus­gabe überzeu­gen durch hohe Kon­se­quenz und beste Bären­re­it­er-Les­barkeit, sodass wir Beethovens Werk nun ohne Frage so auf­führen kön­nen wie ursprünglich intendiert.
Einzig in zweier­lei Hin­sicht mag man Ein­wände gegen die Edi­tion haben. Zum einen ist der (sep­a­rat zu erwer­bende) Kri­tis­che Appa­rat viel zu teuer und überdies nur in Englisch (überdies wartet er allzu häu­fig mit
unzuläs­si­gen Ver­all­ge­meinerun­gen in einem Sinne auf, der die Nach­prüf­barkeit der edi­torischen Entschei­dun­gen nicht immer gewährleis­tet), und zum zweit­en verzichtet Del Mar auf jed­wede eigentliche Ein­führung in das Werk. Mit einem kurzen Vor­wort in der Par­ti­tur erläutert er (zweis­prachig) die Edi­tion­s­grund­la­gen und einige Beson­der­heit­en, aber die Genese des Werks selb­st, die Erläuterung ein­er Kon­tex­tu­al­isierung sowohl inner­halb von Beethovens Œuvre als auch im Konz­ertschaf­fen sein­er Zeit fehlt. Ger­ade der Blick auf den Verkauf­spreis und die unl­o­gis­che Separierung des Kri­tis­chen Appa­rats von der Par­ti­tur hätte eine solche Ein­leitung (die kaum mehr als acht bis zehn Seit­en hätte umfassen müssen) mehr als wün­schenswert gemacht.
Jür­gen Schaarwächter