Mozart, Wolfgang Amadeus

Konzert in B für Violine und Orchester “Nr. 1” KV 207

Klavierauszug

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2005
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 81

Eine Rei­he weit­er­er Neuer­schei­n­un­gen im Rah­men der rev­i­dierten Neuen Mozart-Aus­gabe von Bären­re­it­er sind zu ver­melden: Sämtliche Werke für Vio­line und Klavier, das 1. Vio­linkonz­ert in B‑Dur KV 207, die Einzel­sätze – Ada­gio E‑Dur und Ron­dos C‑Dur und B‑Dur – für Vio­line und Orch­ester.
Was sofort auf­fällt, ist das gegenüber den alten Veröf­fentlichun­gen stark verbesserte Noten­bild aller dem Rezensen­ten vor­liegen­den Hefte und Bände. Bish­er erschw­erte ein meist etwas eng ger­aten­er Druck das Lesen ins­beson­dere von Vorze­ichen. Demge­genüber ist das Lay­out dieser Neuaus­gabe aus­ge­sprochen großzügig und lese­fre­undlich, auch das Prob­lem zusät­zlich anfal­l­en­der Wen­destellen hat man intel­li­gent gelöst. Sämtlichen Aus­gaben sind dop­pelte Vio­lin­stim­men beigegeben: jew­eils eine unedi­tierte, auss­chließlich den Noten­text wiedergebende sowie eine von Matthias Wulfhorst für den prak­tis­chen Gebrauch ein­gerichtete, mit Fin­ger­sätzen und Bogen­strichen verse­hene. Dieses Sys­tem hat sich sehr gut bewährt, bietet es dem Inter­pre­ten doch bei­des: die Möglichkeit, sich mit dem Text direkt ohne jeden frem­den Zusatz auseinan­der zu set­zen, und einen prak­tik­ablen Weg zur instru­men­tal­en Bewäl­ti­gung der Materie.
Mit den bei­den Bän­den sämtlich­er Werke für Vio­line und Klavier tritt Bären­re­it­er in Konkur­renz zur Wiener Urtext Edi­tion und zu Hen­le. Im direk­ten Ver­gle­ich hat die Neuaus­gabe eine Rei­he von Vorzü­gen aufzuweisen, darunter beson­ders den­jeni­gen der größeren Voll­ständigkeit. So wur­den die Jugend­sonat­en KV 6–9 und KV 26–31, das Satz­paar KV 404 sowie drei von Max­i­m­il­ian Stadler ver­voll­ständigte Frag­mente mit aufgenom­men. Verzichtet hat man dage­gen auf alle Werke zweifel­hafter Echtheit, auf Kurzfrag­mente, auf die mit oblig­atem Vio­lon­cel­lo beset­zten Sonat­en KV 10–15 sowie auf die Sonate in B‑Dur KV 570, eine unbe­strit­ten von Mozart stam­mende Klavier­son­ate mit nachträglich hinzuge­fügter oblig­ater Vio­lin­stimme, deren Authen­tiz­ität in Zweifel gezo­gen wird.
Die Klavier­par­ti­tur und ins­beson­dere die edi­tierte Vio­lin­stimme enthal­ten viele hil­fre­iche prak­tis­che Vorschläge für den Inter­pre­ten, etwa zur Auszierung von Fer­mat­en. Als beson­ders wertvoll empfinde ich Wulfhorsts „Hin­weise zur Auf­führung­sprax­is“, in denen er sich konkret mit Beson­der­heit­en von Mozarts Nota­tion – u.a. Unter­schei­dung von Punk­ten und Keilen, Angle­ichung von punk­tierten Rhyth­men in einem über­wiegend tri­olis­chen Kon­text, Aus­führung von kurzen und lan­gen Vorschlä­gen, von Trillern und Dop­pelschlä­gen – befasst.
Wulfhorsts Ein­rich­tung der Vio­lin­stimme mit Bogen­strichen und Fin­ger­sätzen ist mod­ern-pro­fes­sionell erstellt und bietet in jedem Fall prak­tik­able Vari­anten an. Naturgemäß ist dies ein weites Feld, wo man die unter­schiedlich­sten Lösun­gen favorisieren kann und wird. Let­z­tendlich entschei­de, wie C. Ph. E. Bach so schön am Ende aus­gedehn­tester Abhand­lun­gen schreibt, der „gute Geschmack“!
Für die Neuaus­gabe der konz­er­tan­ten Einzel­sätze und des B‑Dur-Konz­erts hat Mar­tin Schel­haas neue Klavier­auszüge erstellt. Das Anfer­ti­gen von Klavier­auszü­gen gren­zt oft an die Quad­ratur des Kreis­es: Alle musikalisch und far­blich rel­e­van­ten Details der Orch­ester­par­ti­tur sind unterzubrin­gen, das Resul­tat soll hin­ter­her auch noch klin­gen und spiel­bar sein. Let­zteres haben wohlmeinende Arrangeure allzu oft überse­hen und die Klavier­parts hoff­nungs­los zugestopft und über­laden. Legio­nen gequäl­ter Kor­repeti­toren lei­den täglich an Klavier­auszü­gen, die hor­ren­deste Schwierigkeit­en aufhäufen, um dann doch nur wie ein mat­ter, hölzen­er Abklatsch der Orch­ester­par­ti­turen zu klin­gen. Sie alle wer­den Schel­haas danken. Seine Ver­sio­nen sind pianis­tisch kom­pe­tent geset­zt, ein­fach, aber nicht prim­i­tiv, dazu klan­glich befriedi­gend, ger­ade weil sie vom Voll­ständigkeitswahn und der Sper­rigkeit der älteren Ver­sio­nen Abstand nehmen.
In den Heften enthal­ten sind von J. D. Alard und von Wulfhorst selb­st ver­fasste Kaden­zen und Durchgänge. Im Prinzip ist dies zu begrüßen, fehlen doch bish­er nach meinem Empfind­en ger­ade beim B‑Dur-Konz­ert und den Einzel­sätzen wirk­lich überzeu­gende Vari­anten. Lei­der sind auch die vor­liegen­den Kaden­zen nicht ger­ade mein Fall: zu lang, zu aufwändig, ger­ade im Fall des E‑Dur-Ada­gios mir auch har­monisch zu kom­pliziert und mozart-fern. Aber auch hier entschei­de zu guter Let­zt der per­sön­liche Geschmack!
Bliebe das alte, lei­di­ge The­ma des in Bären­re­it­er-Einze­laus­gaben fehlen­den Revi­sions­berichts. Ich wün­schte mir hier eine genaue Auflis­tung der textlichen Details über gele­gentliche Fußnoten hin­aus. Alles in allem drei wichtige Beiträge zum Mozart-Jahr, die man nur wärm­stens empfehlen kann.
Her­wig Zack