Cerha, Friedrich / Franz Schreker

Konzert für Violoncello und Orchester / Kammersymphonie in einem Satz

Rubrik: CDs
Verlag/Label: ECM New Series 1887 476 3098
erschienen in: das Orchester 01/2008 , Seite 66

Phan­tasi­estück in C’s Manier – so hieß das Ergeb­nis eines Kom­po­si­tion­sauf­trags, den Friedrich Cer­ha 1989 von Hein­rich Schiff und dem Fes­ti­val Wien Mod­ern erhielt. 1996 fügte Cer­ha noch zwei Sätze hinzu und das Phan­tasi­estück bildet nun den Mit­tel­satz eines 35-minüti­gen Cel­lokonz­erts. Der auf Schu­mann und E. T. A. Hoff­mann (aber auch auf Cer­ha selb­st!) ver­weisende Titel kennze­ich­net auch den Gesamtcharak­ter des Werks: Mit Orgel, Sax­o­fon und reich­haltigem Schlag­w­erk inklu­sive Steel Drums äußerst far­ben­froh beset­zt, zudem von teils ver­spiel­tem, teils geheimnisvoll zwielichtigem Ges­tus beseelt, beschwört das Opus mehr als ein­mal die Klang- und Aus­druck­swelt der Roman­tik, ohne diese allerd­ings direkt zu zitieren. Cer­has Ton­sprache gibt sich stets grif­fig und assozi­a­tion­sre­ich, bewohnt einen äußerst indi­vidu­ellen Bezirk jen­seits von Avant­garde und Post­mod­erne. Als ent­fer­n­ter Ver­wandter grüßt Alban Berg, auf den zu Beginn des Mit­tel­satzes konkret Bezug genom­men wird, wenn die Frösche und Unken der Teich­szene des drit­ten Wozzeck-Akts sich zu Wort melden.
Dem Solis­ten gibt das Werk reich­lich Raum zur Ent­fal­tung sein­er Vir­tu­osität: Kaum ein Moment, in dem er schweigt, auch wenn er über weite Streck­en lediglich als Primus inter Pares inner­halb des orches­tralen Geflechts zu vernehmen ist. Es sei nicht ver­schwiegen, dass der dritte Satz sich nicht immer auf der Höhe der anderen bewegt; seine Geschäftigkeit wirkt gele­gentlich etwas beliebig, und der leise vertröpfel­nde Schluss ver­mag nicht wirk­lich zu überzeu­gen. Ins­ge­samt jedoch han­delt es sich um eine wertvolle Bere­icherung der Konzertlit­er­atur für Vio­lon­cel­lo, auf vor­liegen­der CD pack­end darge­boten vom Wid­mungsträger Hein­rich Schiff.
Auf­grund ihrer farb­trunk­e­nen Schön­heit bildet Franz Schrek­ers 80 Jahre früher ent­standene Kam­mer­sym­phonie eine nicht unpassende Ergänzung zu Cer­has Konz­ert. In seinem einzi­gen gen­uin sin­fonis­chen Orch­ester­w­erk bietet Schrek­er eine faszinierende Zusam­men­fas­sung sein­er kom­pos­i­torischen Grund­prinzip­i­en: eine mit Instru­menten wie Klavier, Harfe, Celes­ta und Har­mo­ni­um vielfältig irisierende Instru­men­ta­tion verbindet sich mit lux­u­riös süf­figer Har­monik, herkömm­lich­er Funk­tion­al­ität enthoben­er Tonal­ität und eben­so orig­ineller wie freier Form­be­hand­lung zu einem tönen­den Sinnbild Wiener Déca­dence zu Ende der k.u.k.-Zeit. Peter Eötvös und das Nieder­ländis­che Radio-Kam­merorch­ester brin­gen jedes wertvolle Detail der vielschichti­gen Par­ti­tur in ger­adezu drei­di­men­sion­aler Trans­parenz zum Klin­gen und lassen dabei dem primär sinnlichen Charak­ter der Par­ti­tur Gerechtigkeit wider­fahren: eine Ref­eren­za­uf­nahme dieses unver­ständlicher­weise viel zu sel­ten gespiel­ten und aufgenomme­nen Meis­ter­w­erks!
Thomas Schulz