Lalo, Édouard

Konzert für Violoncello und Orchester d-Moll

hg. von Peter Jost, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel/Henle, Wiesbaden/ München 2010
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 69

Wenn zwei „Große“ beschließen, gemein­sam ganz groß zu wer­den, entspringt dies bisweilen purem Expan­sions­drang und führt zu Monop­o­lisierun­gen am Markt. Eine ganz andere, dem Wohl der Sache dienende Moti­va­tion gener­ierte die seit 2003 beste­hende Koop­er­a­tion zwis­chen den Ver­la­gen Bre­itkopf & Här­tel und Hen­le: Der Joint-Ven­ture-Idee eines der führen­den Urtext-Häuser und des Tra­di­tionsver­lags für Orch­ester­ma­te­r­i­al schlechthin ver­danken wir mit­tler­weile etwa 40 Aus­gaben bedeu­ten­der sin­fonis­ch­er Werke von Mozart bis Berg, in denen alles – Par­ti­tur, Klavier­auszug, Einzel­stim­men, Edi­torisch­er Bericht – aus ein­er und zudem höchst kom­pe­ten­ter Hand stammt: Kun­den­fre­undlich­er geht’s kaum!
Auch die vor­liegende Edi­tion des Lalo-Cel­lokonz­erts ist Bestandteil dieses Kat­a­logs. Um das 1877 ent­standene, aus char­mant-ein­prägsamen The­men gebaute, cel­lis­tisch dankbare Werk ist es (täuscht der Ein­druck?) ein biss­chen stiller gewor­den. Nur wenige Solis­ten sind mit Lalo zu hören, obgle­ich das Werk – wie man par­ti­turlesend wieder fest­stellt – nichts von sein­er Frische einge­büßt hat. Par­al­lel zu Camille Saint-Saëns bewegte sich auch Lalo gegen den bal­lett- und operngeprägten Paris­er Main­stream sein­er Zeit: Bei allem Ehrgeiz, auch als Opernkom­pon­ist anerkan­nt zu wer­den, kom­ponierte Lalo mit Vor­liebe Kam­mer­musik und Instru­mentalkonz­erte. Mehr noch als in der pop­ulären Sym­phonie espag­nole für Vio­line gelang ihm mit dem Cel­lokonz­ert ein zugle­ich for­mal strin­gentes wie abwech­slungsre­ich­es Werk, dessen zen­trales Inter­mez­zo in Brahms’scher Manier eine Kom­bi­na­tion aus langsamem Mit­tel­satz und Scher­zo darstellt.
Die Quel­len­lage ist verzwickt: Lalos Bere­itschaft, nach Fer­tig­stel­lung der Par­ti­tur, ja noch nach den ersten Auf­führun­gen Anre­gun­gen des Urauf­führungs­cel­lis­ten Adolphe Fis­ch­er (1847–1891) in die Gestal­tung des Solo- und des Orch­ester­parts aufzunehmen, ver­danken wir teils gravierende Tex­tun­ter­schiede zwis­chen dem auto­grafen Klavier­auszug, ein­er Abschrift der Solostimme sowie den bei Bote & Bock 1878 erschiene­nen Erst­druck­en von Par­ti­tur, Klavier­auszug, Solostimme und Orch­ester­stim­men. Zudem ist die auto­grafe Par­ti­tur des Werks ver­schollen – ver­mut­lich wurde sie 1943 im Berlin­er Bote & Bock-Archiv ein­er Opfer der Flam­men –, sodass das Werk edi­torisch viele Fra­gen aufwirft. Diese wur­den hier erst­mals quel­lenkri­tisch aufgear­beit­et. Es war notwendig, ein dif­feren­ziertes Bild zu erstellen, das die einzel­nen Arbeitss­chicht­en und ihre wech­sel­seit­i­gen Abhängigkeit­en sicht­bar macht. Dies ist unter der Edi­tion­sleitung von Peter Jost grandios gelun­gen, sodass wir mit der vor­liegen­den Aus­gabe dem Werk so nah wie nie zuvor kom­men kön­nen.
Bedauer­lich allein, dass nicht ein­mal der all­ge­meine Teil des Revi­sions­berichts Ein­gang in die Stu­di­en­par­ti­tur gefun­den hat. Der Inter­essierte kann ihn über die Bre­itkopf-Web­seite herun­ter­laden und erfährt lei­der erst dort, wofür die vie­len Abkürzun­gen ste­hen, die den „Fußnoten“ der Stu­di­en­par­ti­tur beigegeben sind.
Ger­hard Anders