Berg, Alban

Konzert für Violine und Orchester/Passacaglia/Lulu-Suite

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio 67 061
erschienen in: das Orchester 03/2004 , Seite 83

Dieses Stück, sicher­lich eines der Schlüs­sel­w­erke des 20. Jahrhun­derts, berührt uns nach wie vor: das Vio­linkonz­ert von Alban Berg, 1935 im eige­nen Todes­jahr im „Andenken eines Engels“ kom­poniert. Gemeint war Manon Gropius, die 18-jährig an Kinder­läh­mung starb. Berg schrieb ein Stück im pro­gram­ma­tis­chen, höchst espres­siv­en Stil. Leben, Ster­ben und Verk­lärung eines jun­gen Men­schen inter­pretiert der Schön­berg-Schüler in seinem melan­cholis­chen Solokonz­ert mit dem ungewöhn­lich­sten Beginn der Musikgeschichte (ein­er Ton­folge auf den „quin­ten­leeren“ Vio­lin­sait­en). Die Geige ste­ht im Dia­log mit dem Orch­ester für das per­sön­liche, ja pri­vate Erleben eines Schicksals.
Das geht unter die Haut, zumal bei Vladimir Spi­vakovs eben­so edler wie sen­si­bler Deu­tung. Er stellt alle vir­tu­ose Rasanz, alle solis­tis­che Eit­elkeit hin­tan und ver­mit­telt Demut des Inter­pre­ten gegenüber dem Werk. Spi­vakov, der über eine Stradi­vari von 1712 und somit über eines der kost­barsten Instru­mente weltweit ver­fügt, lässt sich von der Tiefe und Würde des Berg-Konzepts anleit­en. Der rus­sis­che Geiger, in Moskau aus­ge­bildet, ist von dieser See­len­musik überzeugt – er spielt wie aus einem lan­gen Atemzug heraus.
Begleit­et wird er vom Köl­ner Gürzenich-Orch­ester unter der Leitung von James Con­lon. Da herrscht blindes Ver­ständ­nis zwis­chen Spi­vakov und dem Diri­gen­ten. Alban Berg klingt gle­ichzeit­ig so nah und so fern, so emp­fun­den wie klug dargestellt. Die schein­baren Gegen­sätze heben sich im Dia­log Violine/Orchester auf.
Das Gürzenich-Orch­ester macht allerd­ings auch bei den anderen Berg-Werken eine tadel­lose Fig­ur, weil sich Inner­lichkeit und Klang­far­ben bestens ergänzen. Das gilt für die Pas­sacaglia (1913), die ein sin­fonis­ches Frag­ment blieb. Der Kom­pon­ist ver­ar­beit­et ein zwölftöniges g‑Moll-The­ma und vari­iert es elf Mal. Chris­t­ian von Boer­ris ergänzte nach dem Par­ti­cell das Stück, getra­gen von ein­er med­i­ta­tiv­en Stille. Diesen Zugang ver­schafft auch Con­lons ruhige Auslegung.
Abgerun­det wird das Berg-Port-rät, das Con­lon und das aus­geze­ich­net inspiri­erte Gürzenich-Orch­ester vor­legen, mit der sin­fonis­chen Lulu-Suite. Vokalsolistin­nen sind Natal­ie Karl und Ute Döring, die den typ­is­chen Berg-Ton tre­f­fen. Die Suite „erzählt“ nicht den kom­plet­ten Inhalt der Oper, aber sie ver­mag Atmo­sphäre und Kli­ma des bergschen Mate­ri­als in einzel­nen Szenen vorzustellen. Wie die zweiak­tige Büh­nen­fas­sung mit der ster­ben­den Geschwitz endet, so schließt auch die Suite mit dem „Tode­sakko­rd“. Auch diese Musik zur dämonis­chen Lulu offen­bart ein Merk­mal – die Lyrik. Sie dient James Con­lon als Wegweiser.
Jörg Loskill