Schumann, Robert

Konzert für Violine und Orchester d‑Moll WoO 1

Ausgabe für Violine und Klavier vom Komponisten/Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2009
erschienen in: das Orchester 07-08/2010 , Seite 63

Robert Schu­manns Vio­linkonz­ert ist ein ganz eigenes Werk, dem Joseph Joachim wie Clara Schu­mann lange Zeit zwiespältig gegenüber­standen; aus diesem Grund erschien die Par­ti­tur erst 1937, mehr als achtzig Jahre nach Schu­manns Tod, und auch dann ent­ge­gen dem erk­lärten Willen sein­er Tochter Euge­nie. Doch seit sein­er Wieder­bele­bung 1937, vor allem aber seit der Neube­w­er­tung von Schu­manns Spätschaf­fen seit Beginn der 1980er Jahre hat das Werk seinen Weg ins Konzertleben und in das Reper­toire her­aus­ra­gen­der Inter­pre­ten gefun­den.
Es ist schön zu sehen, dass nun durch Chris­t­ian Rudolf Riedel eine neue Aus­gabe vorgelegt wird, die nicht nur die kom­plexe Werküber­liefer­ung spiegelt (wen­ngle­ich mit der Wieder­gabe eines Schreibens Joachims an zu promi­nen­ter Stelle, Par­ti­tur S. X, durch das ein falsch­er Ein­druck entste­hen kön­nte), son­dern auch son­st mit aller­hand Fehlurteilen aufräumt. Beispiel­sweise hat­ten die Edi­toren der alten Aus­gabe bei Schott verän­dernde Ein­griffe vorgenom­men, die erst jet­zt in ihrer Gänze wieder rück­gängig gemacht wer­den. Auch von Schu­mann kor­rigierte Orch­ester­stim­men haben sich in der Berlin­er Staats­bib­lio­thek erhal­ten, was zusät­zlichen Erken­nt­nis­gewinn bringt und deut­lich macht, dass, wäre Schu­mann weit­er arbeits­fähig gewe­sen, das Werk wahrschein­lich durch Joachim, der auch Kor­rek­tur­vorschläge beis­teuerte, uraufge­führt wor­den wäre. Die Neuaus­gabe ist sorgsam und gut les­bar, in manchen Punk­ten aber dur­chaus diskus­sion­swürdig (etwa ist mir die Weglas­sung eines ^ im I. Satz in der Flöte nicht genü­gend kom­men­tiert – dies ist ein­er jen­er Fälle, wo das Stim­men­ma­te­r­i­al von der Par­ti­tur abwe­icht).
Die Solostimme hat Thomas Zehet­mair ein­gerichtet, der sich für seine Ein­spielung unter der Leitung Christoph Eschen­bachs 1988 inten­siv mit den Quellen befasst hat­te. Hat­te Joseph Joachim den Solopart noch unbe­quem gefun­den, ist er für an Musik des 20. und 21. Jahrhun­derts geschulte Musik­er kein Schreck­nis mehr. Dem Solopart liegt ein Blatt mit alter­na­tiv­en Lesarten bei in Fällen, in denen die Quellen unter­schiedliche Möglichkeit­en bieten: „Ihre Auswahl erfol­gte unter musikalisch-prak­tis­chen Aspek­ten. Über Details informiert der Kri­tis­che Bericht“, lautet der Kom­men­tar. Nun scheint eine solche Han­dre­ichung alles andere als wis­senschaftlich-kri­tisch, doch möchte die vor­liegende Aus­gabe vornehm­lich auch eine prak­tis­che sein. In vie­len Stellen ist sie jedoch eher eine „unprak­tis­che“ Aus­gabe: Wenn in Par­ti­tur und Klavier­auszug (nach Schu­manns eigen­em Auszug, der hier erst­mals veröf­fentlicht wird) auf den Kri­tis­chen Bericht ver­wiesen wird, wäre die Angabe der entsprechen­den Seiten­zahl zum schnelleren Auffind­en doch hil­fre­ich gewe­sen.
Es sei gehofft, dass die Edi­tion auch in der Prax­is genutzt wer­den wird; erfahrungs­gemäß scheuen sich Inter­pre­ten und Orch­ester oft, neue Auf­führungs­ma­te­ri­alien anzuschaf­fen. Zur Ein­studierung wird der Klavier­auszug äußerst nüt­zlich sein und jene anonym von Paul Hin­demith erstellte Fas­sung von 1937 ablösen.
Jür­gen Schaarwächter