Yun, Isang

Konzert für Oboe und kleines Orchester / “O Licht …” / Kammersinfonie II “Den Opfern der Freiheit”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Internationale Isang Yun Gesellschaft e. V.
erschienen in: das Orchester 10/2014 , Seite 74

Auf Gren­zen gehen war für Isang Yun kün­st­lerische Ver­hal­tens­form zeitlebens und ganz unmetapho­risch: auf der Gren­ze zwis­chen Süd­ko­rea, Deutsch­land und Nord­ko­rea in rei­bungsin­ten­siv­en, teils lebens­ge­fährlichen Beziehun­gen vom Exil in West­ber­lin, sein­er Ent­führung durch den süd­ko­re­anis­chen Geheim­di­enst bis zu den Ver­suchen, Nord- und Süd­ko­rea musikalisch einan­der näherzubrin­gen. Kom­pos­i­torisch ent­standen Into­na­tio­nen unter­schiedlich­er Herkun­ft, glei­t­end ver­bun­den in eigensin­ni­gen Bal­ance-Akten, von denen auch die neueste, die zehnte Veröf­fentlichung der Inter­na­tionalen Isang Yun Gesellschaft tre­f­flich zeugt.
1990, fünf Jahre vor seinem Tod, hat der damals 73-Jährige ein Oboenkonz­ert geschrieben, ein stark monozen­trisches Werk. Die charakteris­tische Hal­tung Yuns ein­er grundle­gen­den Ruhe und Sta­bil­ität ist hier von der ersten, fast arkadisch anmu­ten­den Kan­ti­lene des Soloin­stru­ments an zu spüren; ein dur­char­tikuliert­er Charak­ter, der mit immer mehr Res­o­nanzen, Assis­ten­zen oder Kon­tra­pos­ten des kleinen Orch­ester­tut­tis in Beziehung tritt. Geze­ich­nete Musik, feine Lin­ea­tur und frei gestellte, oft res­ponsorisch wirk­same Bewe­gungszüge ergeben sich, aber auch block­hafte, ja pathos­belegte. Trans­parenz lässt das Gedeck­te des Aus­drucks apollinisch erscheinen.
Heinz Hol­liger, Solist und Diri­gent in ein­er Per­son, bringt die Oboe angemessen ins Zen­trum: Das solis­tisch Einzelne ist frei- und aus­gestellt. Und wird zugle­ich im Werkver­lauf doch bes­timmt durch die klan­glichen Kon­texte. Immer auf dem Grat zwis­chen dis­so­nan­ter und kon­so­nan­ter Tonal­ität, den Yun zeitlebens beson­ders reizvoll und atmo­sphärisch in­tensiv zu beschre­it­en ver­mochte.
Der auto­bi­ografis­che Hin­ter­grund des Yun’schen Schaf­fens, seine lit­er­arischen, religiösen, ethis­chen Inten­tio­nen lassen viele sein­er Werke zu sym­bol­is­chen Arte­fak­ten wer­den. O Licht… auf Texte nach Nel­ly Sachs und einem Gebet des Bud­dhis­mus für acht­stim­mi­gen Chor von 1981, aber beson­ders die untex­tierte Kam­mersin­fonie II Den Opfern der Frei­heit von 1989 machen die Kom­men­tarbedürftigkeit, die der zeit­genös­sis­chen Kun­st grund­sät­zlich eigen ist, beson­ders deut­lich. Umso bess­er, dass in den Book­let-Tex­ten Wal­ter-Wolf­gang Spar­rers, einem aus­gewiese­nen Yun-Ken­ner, dem Hör­er gründlich­ste und nachvol­lziehbare Aufk­lärung zuteil wird.
Die drei Auf­nah­men, in Bre­men (1997), Stuttgart (1981) und Frank­furt (1989) ent­standen, bieten präsente Klang­bilder, die die schwin­gende und doch boden­haf­tende Gestalt der Werke sehr gut tre­f­fen. Exzel­lent die Bläs­er des Ensem­ble Mod­ern in der Kam­mersin­fonie unter dem viel Biegsamkeit des Klangs erzeu­gen­den Diri­gat Lothar Zagroseks. Mar­i­nus Voor­berg hat bei O Licht… die Span­nweite zwis­chen beruhigten Höhengän­gen und markant gefasster Tiefe in einem gle­ich­sam östlich aus­tari­erten Gle­ichgewicht bewahrt.
Bern­hard Uske