Leyendecker, Ulrich

Konzert für Gitarre und Orchester/Evocazione/Sinfonie Nr. 4

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Musicaphon M 55720
erschienen in: das Orchester 01/2011 , Seite 75

Musik­lieb­haber an Alster und Elbe haben Ulrich Leyen­deck­er noch in bester Erin­nerung. Über zwanzig Jahre wirk­te er als The­o­rielehrer und Kom­po­si­tion­spro­fes­sor an der Ham­burg­er Hochschule für Musik und The­ater, bevor er 1994 (bis 2005) an die Musikhochschule Mannheim-Hei­del­berg wech­selte. Zwei Jahre danach hob Konz­ert­meis­ter Roland Greut­ter mit dem NDR Sin­fonieorch­ester unter Johannes Kalitzke das ihm gewid­mete Vio­linkonz­ert aus der Taufe (zusam­men mit der 3. Sym­phonie doku­men­tiert auf Nax­os CD 8.557427). 1997 brachte das Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart seine 4. Sym­phonie zur Urauf­führung – Glanzstück ein­er bei Mus­i­caphon erschiene­nen CD, die zudem zwei sein­er jüng­sten Werke enthält: das 2004/05 ent­standene Gitar­renkonz­ert und die Tondich­tung Evo­cazione von 2006.
„M’illumino d’immenso“ – dieser Zweizeil­er von Giuseppe Ungaret­ti kön­nte als Mot­to über Leyen­deck­ers Werkverze­ich­nis ste­hen. Die Illu­sion unendlich­er Räume und zeitlich­er Weit­en zu schaf­fen, beze­ich­net er selb­st als „ein Grundthe­ma“ seines Kom­ponierens. Seine poly­fone Musik, welche Reste tonalen Denkens bewahrt, befind­et sich in steter Ver­wand­lung, wobei er sich gern der filmis­chen Tech­nik des „Überblendens“ bedi­ent. In sein­er 4. Sym­phonie, vom Sin­fonieorch­ester des Süd­westrund­funks unter Johannes Kalitzke tiefen­scharf aus­mod­el­liert, ent­fal­ten sich anfangs inter­vall­große, rhyth­misch gle­ich­för­mig fortschre­i­t­ende Bögen, deren Töne beständig die Farbe wech­seln. Indem sie aus der Tiefe in höch­ste Höhen auf­steigen und sich wieder her­ab­neigen, ver­mit­teln sie den Ein­druck räum­lich­er Weite. Während sie sich mäh­lich zer­fal­ten, ents­prießt ihnen ein Klein­terz-Motiv: DNA fast aller kün­fti­gen Klang­bilder. Der Mit­tel­satz huldigt dem Kon­trast­prinzip – im Wider­spiel solis­tis­ch­er The­men wie in den Wal­lun­gen und Bal­lun­gen des vollen Orch­esters. Der bedächtige Schlusssatz lebt von der Vari­a­tion früher­er Tongestal­ten. Wie Stern­schnup­pen ver­lieren sie sich in der Unendlichkeit des Raumes.
Aus­lös­er des Orch­ester­stücks Evo­cazione – ein Beitrag zum Mozart-Jahr 2006, den der schwedis­che Diri­gent Per Borin mit dem SWR Rund­funko­rch­ester Kaiser­slautern bild­kräftig in Szene set­zt – ist der „stein­erne Gast“ aus Mozarts Oper Don Gio­van­ni. Genauer: einige Tak­te aus der Kom­turszene, deren rhyth­mis­che Kon­tur und melodis­che Umrisse Leyen­deck­er fort­dich­t­end beschwört – mit dem spät enthüll­ten Mozart-Zitat als for­maler Wen­de­marke. Es leit­et einen „Rück­bil­dung­sprozess“ ein, der zum Satzan­fang heim­führt. Kaum merk­lich hat Leyen­deck­er ihm ein Schu­mann-Zitat eingewebt, das der Klavier­stimme des Liedes Zwielicht entstammt – eine Rev­erenz an Schu­manns 150. Todestag.
Dem mit ihm befre­un­de­ten Gitar­ren­vir­tu­osen Max­i­m­il­ian Man­gold wid­mete er 2005 ein Konz­ert, das dieser 2007 mit der Nord­west­deutschen Phil­har­monie unter Rome­ly Pfund ein­spielte. Leyen­deck­er reizte – und gelang! – das beinah Unmögliche: das zarte Zupfin­stru­ment der dynamis­chen Über­ma­cht eines Orch­esters auszuset­zen, ohne es unterge­hen zu lassen. In drei Sätzen je eige­nen Charak­ters beweist sich Leyen­deck­er ein­mal mehr als Meis­ter entwick­el­nder Vari­a­tion und Erfind­er neuer Klang­farb­mis­chun­gen ohne instru­men­tale Ver­frem­dun­gen.
Lutz Lesle