Caldara, Antonio

Konzert d‑Moll

für Violoncello solo, 2 Violinen und B. c., Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Walhall, Magdeburg 2005
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 78

Wag­ner­ische Assozi­a­tio­nen führen in die Irre: Hin­ter der Edi­tion Wal­hall ver­birgt sich ein Ver­lagspro­gramm, das zum großen Teil Rar­itäten des 17. und 18. Jahrhun­derts enthält. Ein­mal mehr wird deut­lich, dass das, was wir üblicher­weise Reper­toire nen­nen, in Wahrheit nur die Spitze eines unge­heuren Eis­bergs ist, dessen größter Teil nach wie vor in Archiv­en und Bib­lio­theken schlum­mert und allein mit­tels Forscher­drang und Inter­pre­ten­neugi­er sicht­bar gemacht wer­den kann. Zweifel­los hat die Alte-Musik-Bewe­gung das Ver­di­enst, viele Musik­er her­vorge­bracht zu haben, die bei­de Tugen­den in sich vere­inen.
Zu diesen zählt der Cel­list Markus Möl­len­beck, ehe­dem Mit­glied des Ensem­bles Musi­ca Anti­qua Köln, heute ein­er der gefragtesten Barock­cel­lis­ten und zudem erfol­gre­ich als Päd­a­goge an der UdK Berlin sowie auf zahlre­ichen Kursen und Akademien. Dass ihm die Erweiterung des Reper­toires durch lohnende „Fund­stücke“ aus älter­er Zeit eben­so am Herzen liegt wie deren lupen­reine Edi­tion, verdeut­lichen die bei­den vor­liegen­den Bände, nicht die ersten, die Möl­len­beck in der Edi­tion Wal­hall unter dem Mot­to „Il Vio­lon­cel­lo con­cer­ta­to“ her­aus­bringt – Konz­erte von Has­se und Her­tel liegen bere­its vor –, und hof­fentlich auch nicht die let­zten!
Im direk­ten Ver­gle­ich bei­der Werke über­wiegen die Unter­schiede: Der Venezian­er Anto­nio Cal­dara war zwei Gen­er­a­tio­nen älter als Johann Wil­helm Her­tel und ver­brachte sein Leben im ital­ienisch-süd­deutschen Kul­tur­raum, mithin „auf einem anderen Kon­ti­nent“ als der in Eise­nach geborene Her­tel, standen doch die ästhetis­chen Grund­konzepte bei­der Regio­nen einan­der diame­tral gegenüber. Möglicher­weise schrieb Cal­dara sein Konz­ert für den cel­lobegeis­terten Diplo­mat­en Rudolf Franz Erwein von Schön­born, in jedem Fall fand sich die von einem Kopis­ten erstellte Hand­schrift im Pom­mers­felden­er Archiv der Grafen zu Schön­born-Wiesen­theid. Stilis­tisch ori­en­tiert sich das Werk an ein­er Lin­ie Corel­li-Vival­di. Dem stren­gen, in Dacapo-Form gehal­te­nen Kopf­satz fol­gen ein a‑Moll-Sicil­iano und ein fugieren­der Schlusssatz, in dem das Solo­cel­lo – über weite Streck­en nur vom Con­tin­uo begleit­et – kon­trastierend zum Fuga­to den unge­bun­de­nen Con­cer­ta­to-Stil ver­tritt. Spiel­tech­nisch bleibt der Solopart im üblichen Rah­men des frühen 18. Jahrhun­derts, als höch­ster Ton erscheint einige Male das eingestrich­ene b.
Ein­er anderen Welt begeg­nen wir in dem 1759 ent­stande­nen, tech­nisch wie musikalisch anspruchsvollen Cel­lokonz­ert des langjähri­gen meck­len­burg-schw­erinis­chen Hof­musik­ers Johann Wil­helm Her­tel. Der viel­seit­ige Musik­er stand von Jugend an in Verbindung zu führen­den Dres­d­ner und Berlin­er Musik­ern sein­er Zeit. Vor allem die Instru­men­tal­musik Carl Philipp Emanuel Bachs bildete ein wichtiges Vor­bild, ja, in Tonart und Gestik mutet Her­tels Konz­ert wie eine direk­te Rep­lik auf Bachs einige Jahre älteres a‑Moll-Cel­lokonz­ert an. Her­aus­ge­ber Möl­len­beck ver­weist in seinem Vor­wort indes zu Recht auf die ver­glichen mit Bachs Schroffheit­en mildere Ton­sprache Her­tels, wobei die Schlussfol­gerung, diese als „fast schon klas­sisch“ zu beze­ich­nen, mit einem kleinen Frageze­ichen verse­hen wer­den mag: Nicht zufäl­lig erfol­gte die Aus­prä­gung der Klas­sik als form­bilden­der Kat­e­gorie weitab von Berlin, daher ver­stellt es den Blick auf die Eigen­ständigkeit der berlin­isch-nord­deutschen Musik um 1750, definiert man „Klas­sik“ als Endziel ihrer Entwick­lung.
Ver­lag und Her­aus­ge­ber sind her­zlich zu loben, Cel­lis­tenkol­le­gen seien eben­so her­zlich zum Zugreifen auf die lohnen­den Stücke ani­miert.
Ger­hard Anders