Vandini, Antonio

Konzert D-Dur

für Violoncello solo, 2 Violinen, Viola und B. c., Erstausgabe, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Walhall, Magdeburg 2015
erschienen in: das Orchester 04/2016 , Seite 70

Auf der let­zten Par­ti­tur­seite erblick­en wir ihn selb­st: Anto­nio Van­di­ni, den „famoso sonatore di Vio­lon­cel­lo“. Eher mür­risch, viele Dien­st­jahre auf dem Buck­el tra­gend, hängt der Lang­nasige, in eine Art Mor­gen­man­tel gehüllt, förm­lich über seinem Cel­lo. Eine köstliche und ver­mut­lich zugle­ich real­ität­sna­he Karikatur von Pier Leone Ghezzi, die ein inter­es­santes Detail ver­rät: Van­di­ni fasste den Cel­lobo­gen im Unter­griff, gle­ich den Vio­la-da-Gam­ba-Spiel­ern. Let­zteres bestätigte auch der reisende Musikschrift­steller Charles Bur­ney im Jahr 1770, und dies wiederum ent­nehmen wir dem auf­schlussre­ichen Vor­wort zur vor­liegen­den Edi­tion des D-Dur-Konz­erts von Van­di­ni.
Den Her­aus­ge­ber-Aktiv­itäten des renom­mierten Barock­cel­lis­ten und Päd­a­gogen Markus Möl­len­beck in der Edi­tion Wal­hall ver­danken wir bere­its diverse tex­tkri­tis­che Neuaus­gaben von Konz­erten Vivald­is, Cal­daras und ander­er Kom­pon­is­ten des 18. Jahrhun­derts. Der vor­liegende Band enthält das einzige über­lieferte Cel­lokonz­ert des um 1690 in Bologna gebore­nen Van­di­ni. Das Manuskript des Werks wird auf­be­wahrt in der Lan­des­bib­lio­thek Schw­erin. Van­di­ni wirk­te sowohl am Ospedale del­la Pietà in Venedig als auch im Orch­ester der Basi­li­ka San Anto­nio in Pad­ua, war also Kol­lege Anto­nio Vivald­is und Giuseppe Tar­ti­nis. Mit Let­zterem ver­band ihn eine lange Fre­und­schaft, und ver­mut­lich enthält der d-Moll-Mit­tel­satz des Cel­lokonz­erts in sein­er dreis­tim­mi­gen Fak­tur eine Rev­erenz an den Kol­le­gen: Der vom Con­tin­uo begleit­ete Monolog des Solo-Cel­los wird durch eine „Violino-primo-solo“-Stimme kon­tra­punk­tiert. Umrahmt wird der Satz ein­er­seits von einem schwungvollen Alle­gro, dessen Synkopen­trächtigkeit deut­lich an Kopf­sätze Tartini’scher Konz­erte gemah­nt, ander­er­seits von einem schnellen Menuett im 3/8-Takt.
Für welch­es Instru­ment hat Van­di­ni sein Konz­ert kom­poniert? Einige Dop­pel­griff- und Arpeg­gio-Pas­sagen sowie zumin­d­est eine melodis­che Pas­sage in rel­a­tiv hoher Lage leg­en nahe, dass er hier an ein fün­f­sait­iges Cel­lo in der Stim­mung C-G-d-a-e oder auch C-G-d-a-d gedacht haben kön­nte. Zu Recht stellt Möl­len­beck diese Frage in einen größeren Zusam­men­hang: Bis weit ins 18. Jahrhun­dert existierte „das“ Cel­lo in den unter­schiedlich­sten Vari­etäten und Stim­mungen und wurde flex­i­bel den Anforderun­gen der jew­eili­gen Kom­po­si­tion angepasst. Ander­er­seits lässt sich Van­di­nis D-Dur-Konz­ert prob­lem­los – will sagen: ohne klan­gliche Ein­bußen oder kom­pos­i­torische „Ver­renkun­gen“ – auf dem heute üblichen vier­sait­i­gen Cel­lo aus­führen. Es bleibt zu wün­schen, dass das attrak­tive Werk Einzug ins Reper­toire hält, zumal dank der vor­liegen­den Edi­tion – Klavier­auszug und Stim­men sind unter gle­ichem Label erhältlich – auf zuver­läs­siges, makel­los­es Noten­ma­te­r­i­al zurück­ge­grif­f­en wer­den kann.
Ger­hard Anders