Wolf, Ernst Wilhelm

Konzert B-Dur für Viola und Orchester

Partitur / Klavierauszug und Solostimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Dohr, Köln 2006
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 79

Es ist längst ein All­ge­mein­platz, dass Musikgeschichte nicht allein von den „großen“ Kom­pon­is­ten geschrieben wird, son­dern zu weit­en Teilen auch von jenen zahlre­ichen „Klein­meis­tern“, deren Bedeu­tung wegen der über­ra­gen­den Strahlkraft Einzel­ner gern vergessen wird. Wer ken­nt zum Beispiel noch Ernst Wil­helm Wolf? Als Klavier­lehrer, Konz­ert­meis­ter, Organ­ist und schließlich Hofkapellmeis­ter von Her­zo­gin Anna Amalia in Weimar gehörte er zu den führen­den Musik­er­per­sön­lichkeit­en der Goethe-Zeit. Als solch­er stand er in engem Kon­takt mit den Mit­gliedern des Weimar­er „Musen­hofs“, zu denen neben Goethe auch Herder oder Wieland gehörten. Franz Ben­da war sein Schwiegervater und Johann Friedrich Reichardt sein Schwa­ger. Ernst Lud­wig Ger­ber zählte ihn „nicht nur gegen­wär­tig unter unsere klas­sis­chen und besten Kom­pon­is­ten in jed­wegem Fache“ – eine Ein­schätzung, mit der er nicht alleine war: Als Friedrich der Große einen Nach­fol­ger für C. Ph. E. Bach am Pots­damer Hof suchte, wurde der Posten zunächst Wolf ange­boten. Der lehnte freilich ab und blieb lieber im beschaulichen Weimar.
Von Wolfs Werken (darunter zahlre­iche Singspiele, Klavierkonz­erte, Sin­fonien, Stre­ichquar­tette und Sonat­en) sind bis heute die wenig­sten veröf­fentlicht. Umso begrüßenswert­er ist deshalb die jet­zt erschienene Erstaus­gabe eines Bratschen-Konz­erts in B-Dur bei der Köl­ner Edi­tion Dohr (ein weit­eres in F-Dur ist bere­its auf dem Markt). Sie fol­gt der einzi­gen erhal­te­nen Quelle, einem Stim­men­satz aus der Uni­ver­sitäts­bib­lio­thek Bres­lau, der ver­mut­lich vom Kom­pon­is­ten selb­st stammt. Wolf­gang Bir­tel hat die Vor­lage mustergültig für den prak­tis­chen Gebrauch umge­set­zt. Der Klavier­auszug enthält neben der Solo-Stimme auch drei kurze Kaden­zvorschläge. Das zur Par­ti­tur gehörende Auf­führungs­ma­te­r­i­al ist lei­h­weise erhältlich.
Musikalisch zeigt das Konz­ert, das spätestens 1778 geschrieben wurde, einen Kom­pon­is­ten am Über­gang vom barock­en zur klas­sis­chen Idiom: For­mal fol­gt es noch klar dem alten Ritor­nell-Typus (der sich im drit­ten Satz freilich schon zum Ket­ten­ron­do entwick­elt hat), tonale Kon­traste oder gar the­ma­tis­che Arbeit fehlen weit­ge­hend. Die Orch­esterbe­set­zung verze­ich­net neben Stre­ich­ern lediglich zwei (meist col­la parte einge­set­zte) Oboen und einen bez­if­fer­ten Gen­er­al­bass, aber keine Hörn­er.
Das musikalis­che Vok­ab­u­lar ist dage­gen schon aus­geprägt (früh-) klas­sisch: Vor allem der innige zweite Satz über­rascht mit uner­warteten har­monis­chen Auswe­ichun­gen und durch­weg „empfind­samer“ Rede. Der Solo-Part ist mit seinen vielfälti­gen Spielfig­uren und Fig­u­ra­tio­nen aus­ge­sprochen dankbar und auch für fort­geschrit­tene Schüler dur­chaus zu schaf­fen. Der Ver­gle­ich mit dem Tele­mann-Konz­ert im (anson­sten sehr infor­ma­tiv­en) Vor­wort ist aber trotz­dem ein biss­chen anmaßend – man hat es doch eher mit einem „Wolf im Schaf­spelz“ zu tun. Als willkommene Reper­toire-Ergänzung (und Hor­i­zont-Erweiterung) tut das dem Werk aber keinen Abbruch.
Joachim Schwarz