Heister, Hanns-Werner / Walter-Wolfgang Sparrer (Hg.)

Komponisten der Gegenwart

26.-29. Nachlieferung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: edition text+kritik, München 2003-2005
erschienen in: das Orchester 02/2006 , Seite 78

Gehört ein Musik­er wie Rued Lang­gaard, der noch im 19. Jahrhun­dert geboren wurde und ihm geistig ver­haftet blieb, zu den Kom­pon­is­ten der Gegen­wart? Für das gle­ich­namige Lose­blatt-Lexikon sehr wohl, da es bei seinem Beginn im Jahr 1992 in dem Zeichen antrat, die seit dem 20. Jahrhun­dert wirk­samen musikalis­chen Schöpfer – auch wenn sie dezi­diert gegen die Mod­erne standen – enzyko­plädisch zu erfassen. Das ehrgeizige Vorhaben, wiewohl im sicheren Bewusst­sein unter­nom­men, dass es nie an sein Ende gelan­gen wird, schre­it­et stetig voran. Seit­dem das let­zte Mal in dieser Zeitschrift von den Kom­pon­is­ten der Gegen­wart die Rede war, sind weit­ere vier Sup­ple­mente erschienen, sodass das Pro­jekt nun­mehr bis zur 29. Nach­liefer­ung gelangt ist.
Einige auf­fäl­lige Lück­en sind inzwis­chen wenig­stens in Form von zwei­seit­i­gen, Basis­in­for­ma­tio­nen bietenden „Grund­blät­tern“ geschlossen: Zu den neu Erfassten zählen so promi­nente Namen wie Rodi­on Schtschedrin (den man freilich unter der wis­senschaftlich transli­terierten Schreib­weise seines Namens suchen muss), Allan Pet­ters­son, Gerárd Grisey, Re-bec­ca Clarke, Peter Eötvös, Bro­nius Kutavic¡ius, Nikos Skalkot­tas, Josef Tal, La Monte Young und Ruth Zech­lin. Aktu­al­isierun­gen betr­e­f­fen in jün­ger­er Ver­gan­gen­heit Ver­stor­bene wie Luciano Berio, Jose Mace­da, Maki Ishii, Gof­fre­do Petrassi, Ger­hard Rosen­feld und Ulrich Stranz oder Lebende wie Hel­mut Lachen­mann, Hen­ri Dutilleux und Kurt Schwaen, bei denen es galt, Biografien und Verze­ich­nisse zu aktu­al­isieren. Erfreulich ist es, dass die Her­aus­ge­ber sich auch darum bemühen, Kom­pon­is­ten ein­er jün­geren Gen­er­a­tion bis hinab zu etwa Dreißigjähri­gen lexikalisch zu erfassen, wozu als jüng­ste die in den 1970er Jahren gebore­nen Ben­jamin Schweitzer, Johannes Maria Staud und Jen­nifer Wal­she gehören.
Aber der inhaltliche Schw­er­punkt der Neuliefer­un­gen liegt dann doch in den aus­führlichen Kom­pon­is­ten­porträts. Vieles, was auf dem „Grund­blatt“ nur kurz umris­sen wer­den und der Gefahr pauschaler Einord­nung in Stilkat­e­gorien nicht immer ganz ent­ge­hen kann, wird erst dort in sein­er indi­vidu­ellen Prä­gung fass­bar.
Aus­führlich gewürdigt wer­den in den vier let­zten Liefer­un­gen Pierre Hen­ry, ein­er der Pio­niere der Musique con­crète, und der eben­falls zeitweise in deren Umfeld tätige Luc Fer­rari, der sich freilich nach der Maxime „Stil ist Ras­sis­mus“ kün­st­lerisch nie einen­gen lassen wollte. Der Argen­tinier Eduar­do Bér­to­la mit sein­er musikalis­chen „Arte povera“ wird eben­so porträtiert wie Robert HP Platz mit seinem holis­tis­chen, Über­lagerun­gen ganz­er Werk­grup­pen intendieren­den Ansatz. Inten­siv doku­men­tiert sind weit­er der in der heuti­gen Auf­führung­sprax­is schmäh­lich mis­sachtete Boris Blach­er und Paul Dessau, der, aus jüdis­ch­er Kan­toren­tra­di­tion stam­mend, schließlich in der DDR den schwieri­gen Spa­gat zwis­chen Avant­gardeanspruch und verord­neter Massen­wirk­samkeit ver­suchte. Mit Gewinn liest man auch die Charak­terierung des Schaf­fens von Rein­hard Febel mit sein­er „sub­ver­siv­en Ähn­lichkeit“ zur „Neuen Ein­fach­heit“.
Erstaunlich ist es, wie detail­liert und ger­adezu ana­lytisch die Autoren der jew­eili­gen Artikel oft auf Einzel­w­erke einge­hen. Dies gilt bei Febel eben­so wie bei der Darstel­lung der stilis­tis­chen Entwick­lung des Kom­pon­is­ten Ben­jamin Brit­ten im Span­nungs­feld zwis­chen britis­ch­er Tra­di­tion, kon­ti­nen­taleu­ropäis­ch­er Mod­erne und ostasi­atis­chen Anre­gun­gen, ver­net­zt mit Kom­mentaren zur Rezep­tion seines Werks. Selb­st der noch lebende Hans Wern­er Hen­ze erfährt eine umfan­gre­iche Darstel­lung seines Œuvres, nicht chro­nol­o­gisch, son­dern in diesem Fall sin­nvoll nach Werk­grup­pen geord­net, wobei das Musik­the­ater voranste­ht, dessen Ästhetik bei Hen­ze die übri­gen Gat­tun­gen infil­tri­ert.
Ger­hard Dietel