Günter Zschacke

Klingende Jahrzehnte

Die Lübecker Philharmoniker

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schmidt-Römhild
erschienen in: das Orchester 04/2018 , Seite 59

Aus Überzeu­gung, dass die Lübeck­er Phil­har­moniker als imma­terielles Kom­ple­ment zum architek­tonis­chen Weltkul­turerbe der Hans­es­tadt „gemein­schafts­bildend“ sind, resümiert deren bestens informiert­er Chro­nist Gün­ter Zschacke zum 120-jähri­gen Beste­hen. Bemerkenswert­er­weise hebt er her­vor, dass seit der Grün­dung durch den Vere­in der Musik­fre­unde e.V. ein Kampf mit den poli­tis­chen Kräften der Hans­es­tadt um die Anerken­nung des Sta­tus (jet­zt: B-Orch­ester) stat­tfind­et, bei dem in den 1920ern sog­ar im Rah­men ein­er Koop­er­a­tion mit dem Arbeit­er­bil­dungsvere­in „Volk­stüm­liche Konz­erte“ im Gew­erkschaft­shaus erfol­gre­ich ver­anstal­tet wur­den.
Respek­ta­bles Pro­fil erhielt das Orch­ester, trotz viel­er „Wan­derun­gen“ und Umzüge in mehr oder weniger geeignete städtis­che Konz­er­torte (s. Fotodoku­mente), durch prä­gende Per­sön­lichkeit­en wie Wil­helm Furtwän­gler, Christoph von Dohnanyi und Gerd Albrecht, und in den ver­gan­genen Jahren durch Erich Wächter und Roman Brogli-Sach­er, die jew­eils kurz porträtiert wer­den. Diesem ger­afften his­torischen Rekurs fol­gen Kapi­tel über die bei­den genan­nten wech­selvollen Dekaden. Sie waren von „Pauken­schlä­gen“ wie Quere­len um die Beset­zung der Diri­gen­ten­po­si­tion und ins­beson­dere Etatkürzun­gen auf­grund kom­mu­naler Finanzk­nap­pheit geprägt: So wurde die Bal­lettsparte „einges­part“.
Demge­genüber hat Gün­ter Zschacke jedoch einige Jubel­mo­mente nicht vergessen, wozu der Echo-Klas­sik-Preis 2011 für die DVD-Edi­tion von Richard Wag­n­ers Ring des Nibelun­gen im Kon­text des Wag­n­er/­Mann-Pro­jek­ts am The­ater Lübeck und der Bau der Musik- und Kon­gresshalle (MuK) gehören, seit 1994 das Dom­izil der Lübeck­er Phil­har­moniker u.a. zur Auf­führung sym­phonis­ch­er Zyklen und auch Spiel­stätte des Schleswig-Hol­stein Musik Fes­ti­vals sowie in fre­undlich­er Rival­ität des NDR Elbphil­har­monie Orch­esters. Allerd­ings wäre die MuK nicht ohne das Engage­ment ein­er behar­rlichen Bürg­erini­tia­tive möglich gewe­sen. Wie über­haupt Fördervere­ine (drei davon jet­zt fusion­iert als Musik- und Orch­ester­fre­unde, MOF) nicht nur 1997 den offiziellen Titel „Phil­har­monis­ches Orch­ester der Hans­es­tadt Lübeck“ bewirk­ten, son­dern vor allem auch eine stetige Unter­stützung, finanziell für Gast­solis­ten oder bei der Instru­mentenbeschaf­fung und rep­u­ta­tiv etwa mit gespon­serten Schüler­a­bon­nements oder Kinder­be­treu­ung bei Sym­phoniekonz­erten garantieren.
Diesen Ini­tia­tiv­en und ihren je eige­nen Per­spek­tiv­en, die öffentliche Präsenz des Phil­har­monis­chen Orch­esters pos­i­tiv zu ver­stärken, sind sep­a­rate Abschnitte gewid­met, sodass ein kul­tur­poli­tis­ches Net­zw­erk sicht- und erkennbar wird. Gefüllt mit sta­tis­tis­chem Mate­r­i­al (Konz­ert­pro­gramme, Pre­mieren, Solis­ten, Gast­diri­gen­ten, Orch­ester­mit­glieder, Disko­grafie) sowie intern­er Detailken­nt­nis ist das Buch von Gün­ter Zschacke eine lesenswerte, par­a­dig­ma­tis­che Lokalhis­to­rie, um „die Bedeu­tung der Musik für eine humane Exis­tenz“ im kollek­tiv­en Gedächt­nis zu bewahren.
Hans-Dieter Grüne­feld