Meier, Hansdieter

Kleine Spiegel-Rhapsodie

für Viola solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Heinrichshofen, Wilhelmshaven 2006
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 86

Hans­di­eter Meier ist ein Musik­er, der gern auf den ver­schieden­sten Hochzeit­en tanzt. Als Geiger mit zusät­zlich­er Aus­bil­dung in Musikpäd­a­gogik, Ton­satz und Musik­wis­senschaft wan­dert er seit vie­len Jahren ganz unge­niert zwis­chen den musikalis­chen Stilen und Schubladen umher und entzieht sich dabei erfol­gre­ich der Fes­tle­gung auf ein bes­timmtes Genre: War er eben noch als Mit­glied des Nord­west­deutschen Kam­merensem­bles Pri­mar­ius eines klas­sis­chen Klavierquar­tetts, gibt er (in der gle­ichen Beset­zung, aber jet­zt unter dem Namen Nor­west­deutsches Salon-Ensem­ble) wenig später bere­its den halb­sei­de­nen Ste­hgeiger mit süf­fi­gen Arrange­ments von schwel­gerischen Benatzky- und Csárdás-Melo­di­en. Auch beim Crossover mit Jazz, Rock oder Folk ken­nt er keine Berührungsäng­ste: Für selb­stver­fasste Swing‑, Boo­gie- oder Tan­go-Num­mern greift er dann regelmäßig zur E‑Geige.
Wenig ver­wun­der­lich, dass sich Meier hin und wieder auch als Kom­pon­ist „ern­sthafter“ Musik ver­sucht. Die Kleine Spiegel-Rhap­sodie für Vio­line solo war immer­hin erfol­gre­ich genug, um nach gut zehn Jahren nun auch als Trans­po­si­tion für Bratsche zu erscheinen – sicher­lich begün­stigt durch die Tat­sache, dass das Stück tat­säch­lich „klein“ ist und auf eine ausklapp­bare Dop­pel­seite passt.
Auch wenn die wer­be­wirk­sam beige­fügte Empfehlung von Ulf Hoelsch­er (dessen Schüler Meier war), nach der die Rhap­sodie „eine überzeu­gende Syn­these aus fes­ter Spiegel- bzw. Kreb­s­form und kon­trastre­ichem emo­tionalem Aus­druck“ darstellt, vielle­icht etwas zu über­schwänglich aus­ge­fall­en ist: Als gelun­gene musikalis­che Fin­gerübung von dur­chaus eigen­em Reiz kann man das Werkchen schon beze­ich­nen. Meier ließ sich nach eige­nen Angaben „ein wenig von östlich­er Folk­lore“ inspiri­eren. Neben dem schweben­den 5/4‑Takt und der modal einge­färbten Har­monik macht sich das vor allem in spielerisch stil­isierten Ver­satzstück­en bemerk­bar, die auf ganz knappem Raum fast zitathaft nebeneinan­der geset­zt wer­den, ohne dabei die zugrunde liegen­den Klis­chees tat­säch­lich zu bedi­enen.
Trotz­dem ist eigentlich alles drin, was eine ungarische (oder rumänis­che oder bul­gar­ische) Rhap­sodie üblicher­weise so braucht: eine ver­i­ta­ble Intro­duk­tion mit leeren Quin­ten, Pizzika­to-Akko­r­den und Fla­geo­lett-Effek­ten, eine drama­tisch-vir­tu­ose Sechzehn­tel­pas­sage mit Dop­pel­grif­f­en und hohen Lagen, schließlich ein schwel­gerisches Espres­si­vo auf der tiefen Saite, inklu­sive schmach­t­en­der Abwärtschro­matik und finaler Dur-Aufhel­lung. Nach nur 21 Tak­ten läuft das Ganze notenge­treu kreb­s­gängig zum Aus­gangspunkt zurück, was bei den dezi­diert „vor­wärts“ gedacht­en Floskeln nicht ohne Witz ist. Noch eine kurze Coda – und schon ist alles wieder zu Ende.
Bei ger­ade ein­mal drei Minuten Spielzeit kann und will eine Miniatur wie diese natür­lich nicht mit den Reper­toire-Schlachtschif­f­en der „großen Kun­st“ konkur­ri­eren. Eine Alter­na­tive im Zugaben­teil ist sie aber alle­mal.
Joachim Schwarz