Furtwängler, Wilhelm

Klavierquintett C‑Dur

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Tacet 119, 2 CDs
erschienen in: das Orchester 11/2004 , Seite 90

Der Anfang lässt beina­he das Blut in den Adern gefrieren: Einem Ansturm gle­ich, mit einem Vibra­to, wie es inten­siv­er nicht sein kön­nte, schwin­gen sich die Stre­ich­er unbeir­rbar empor. Alle Emo­tio­nen wollen her­aus­brechen, Verzwei­flung, Angst, Ver­wun­dung, Mut. Ein aggres­sives Werk, dicht, gedrängt, gewaltig, nahezu pausen­los, unge­heuer anstren­gend zu spie­len und zu hören, kaum mehr wirk­lich kam­mer­musikalisch zu nen­nen. Allein der Umfang dieses Klavierquin­tetts zeigt – wie Wil­helm Furtwän­glers anderen Werke auch – sin­fonis­che Dimen­sio­nen: Drei Sätze von jew­eils fast halb­stündi­ger Dauer hat er kom­poniert, nicht mehr auf eine einzige CD zu ban­nen, jed­er Satz eine kleine Sinfonie.
Das Clarens Quin­tett – alle Mit­glieder sind als Solis­ten, Orch­ester­musik­er oder Dozen­ten in Berlin, Weimar oder Jena tätig – spielt inten­siv, mit größter Genauigkeit, notenge­treu – per­fekt erscheint unpassend, zu tech­nisiert, dem Aus­drucks­ge­halt nicht angemessen.
Zart hebt die Bratsche im zweit­en Satz (Ada­gio) an, dessen Wieder­gabe beson­ders durch ihre Ein­dringlichkeit besticht und durch die organ­is­che Vere­ini­gung der auch hier dominieren­den tiefen Lagen im akko­rdis­chen Klavier­spiel mit der fast solis­tis­chen Anlage. Schade, dass die Klangqual­ität nicht immer dieses hohe Niveau erre­icht. Nie weicht die unter­schwellige Schw­er­mut ganz – die Schw­er­mut des Diri­gen­ten, der unter der man­gel­nden Anerken­nung sein­er kom­pos­i­torischen Arbeit gelit­ten hat? „Das Unglück mit dem Dirigieren“ habe ihn vom Kom­ponieren abge­hal­ten, hat Furtwän­gler ein­mal gesagt. Dieses in den Jahren 1912 bis 1935 ent­standene Opus hat starke spätro­man­tis­che Züge, wen­ngle­ich Furtwän­gler selb­st, obwohl er sich bewusst von der Neuen Musik dis­tanziert hat, sich ver­mut­lich gegen eine solche Fes­tle­gung gewehrt hätte. Die magis­che, sug­ges­tive Macht, die vielfälti­gen Farb­wirkun­gen, die gewalti­gen Span­nun­gen und Steigerun­gen, die dem Diri­gen­ten nachge­sagt wur­den und die in seinen Auf­nah­men hör­bar sind: Sie find­en sich auch in seinem Klavierquin­tett, und dankenswert­er Weise machen die Inter­pre­ten diese lei­den­schaftliche Auseinan­der­set­zung mit Musik so trans­par­ent und erlebbar.
„Ruhig – gemäch­lich und heit­er“ ist der dritte Satz über­schrieben. Hin­ter der ver­meintlichen Idylle jedoch ver­birgt sich wiederum immense Kraft; Wider­stand und Wider­spruch, Kampf und Zer­ris­senheit sind in ihrem Miteinan­der unbe­sieg­bar. Bis zur Erschöp­fung haben alle gespielt, bis zum Schlus­sakko­rd, denkt man – doch dann: ein let­ztes Auf­bäu­men, nicht nur eins, immer wieder. 
Auf den Vor­wurf Wal­ter Rie­zlers, bei dem Klavierquin­tett, von dem es zu Lebzeit­en des Kom­pon­is­ten keine öffentliche Auf­führung gab, han­dele es sich um „Katas­tro­phen­musik“, antwortete Furtwän­gler: „Ich bin nun mal ein Tragik­er.“ Manch­er mag das Stück für über­laden und über­trieben hal­ten – es ist ein zutief­st per­sön­lich­es Beken­nt­nis und in der vor­liegen­den Ein­spielung wert, das heimis­che wie auch das öffentliche (CD-)Repertoire zu ergänzen.
Car­o­la Kessler