Burrows, John (Hg.)

Klassische Musik

Komponisten, Interpreten, Instrumente, Hauptwerke

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dorling Kindersley, Starnberg 2006
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 79

Wer zum Beispiel in Konz­erte­in­führungsver­anstal­tun­gen mit Konz­ert­gängern zu tun hat­te, der wird wis­sen, dass es um die all­ge­mein musikalis­che und musikhis­torische Sachken­nt­nisse sein­er Klien­tel im All­ge­meinen schlecht bestellt ist. Und so wün­scht man dieser, die mit dem dtv-Atlas zur Musik wohl zu wis­senschaftlich bedi­ent wäre, nichts mehr als ein gescheites Hand­buch und Nach­schlagew­erk, das diesem Infor­ma­tion­snot­stand abhelfen kön­nte. Der vor­liegende Band bringt zuerst ein­mal augen­schein­lich gute Voraus­set­zun­gen mit, solche Wün­sche zu erfüllen. Sie deck­en sich übri­gens mit den Wün­schen seines Her­aus­ge­bers, die er seinem Buch im Vor­wort mit auf den Weg gibt: Es solle „infor­ma­tiv sein, auf Musik neugierig machen und auf leicht ver­ständliche Art Zugang zu ihr ver­schaf­fen“.
Ersteres sieht man schon beim flüchti­gen Durch­blät­tern bestätigt. Die kom­pak­ten 512 Seit­en auf Hochglanz­pa­pi­er in flex­i­blem Ein­band bersten vor Tex­ten, Tabellen, Sym­bol­en und Fotos. Sie machen das Buch etwa im Kapi­tel „Instru­mente“ nicht zulet­zt auch zu einem attrak­tiv­en Bilder­buch. Manch­mal vielle­icht auch mit unge­woll­tem Unter­hal­tungswert, wenn man sich fragt, welche Assozi­a­tio­nen denn wohl der skep­tisch drein­schauende Mops im Text zu Elgars Enig­ma Vari­a­tions her­vor­rufen soll. Manch­mal muss man die Stirn run­zeln, angestrengt oder ärg­er­lich, weil das Beispiel aus der Auto­grafenkiste so arg klein ger­at­en ist und allen­falls „impres­sion­is­tis­che“ Funk­tion hat. Das Lay­out ist anson­sten lese­fre­undlich, sehr zeit­gemäß, arbeit­et also auch mit diversen „Fen­stern“.
Infor­ma­tiv sind sie ohne Zweifel, die elf Kapi­tel dieses Buchs. Das begin­nt mit ein­er Ein­führung in die „Ele­mente der klas­sis­chen Musik“, ihrem Mate­r­i­al, Ton, Rhyth­mus, Har­monik, Form usw. und bietet dann eine Musikgeschichte vom Jahr 1000 bis heute. Jedes dieser Epochenkapi­tel teilt sich in eine Ein­führung in jew­eils wichtige Gat­tun­gen, For­men oder Beset­zung­seigen­tüm­lichkeit­en und in einen Kom­pon­is­ten- und Werk­teil auf. Tabellen mit Lebens­dat­en, Sym­bole für Werk­dauer, Satz­zahl und Beset­zung geben Infor­ma­tion auf knapp­stem Raum, wobei der Umfang, der jedem Kom­pon­is­ten zuge­s­tanden wird (zwis­chen zwanzig Zeilen für Cimarosa und sieben Seit­en für Mozart), sein­er all­ge­mein anerkan­nten oder ver­meintlichen his­torischen Stel­lung entspricht. So erfüllt das Buch auch qua­si die Funk­tion eines musikhis­torischen Wertekanons.
Sein Infor­ma­tion­s­ge­halt wird enzyk­lopädisch, wenn man auf Kom­pon­is­ten wie Rey­nal­do Hahn (1874–1947) stößt, dem die an-zunehmende Ziel­gruppe dieses Buchs kaum „begeg­nen“ wird. Die Ziel­gruppe wird nicht mäkeln, dass Kom­pon­is­ten wie Eisler oder Orff eben­so wie Grieg unter „nationale Schulen“ zu find­en sind und nicht unter „Mod­erne“. Sie wird sich in aufgek­lärter Sicher­heit wäh­nen, wenn sie unter dem jew­eili­gen Schlag­wort „Fokus“ qua­si Analysieren­des über zen­trale Werke erfährt. Es ist dur­chaus anzunehmen, dass diese Werk­be­tra­ch­tun­gen in leichtver­ständlich­ster Weise auch auf eine Musik neugierig machen kön­nen, wom­it ja diese Ziele des Buchs erre­icht wären.
Es kann aber nicht ver­hehlt wer­den, dass manche Texte der Musik nicht gerecht wer­den. Dazu trägt ein zuweilen ins Banale abglei­t­en­der Konz­ert­führer­jar­gon bei. Zwei Beispiele: „Den Abschluss bildet ein flottes Finale, in dem die Hörn­er her­vortreten“ (zu ein­er Sin­fonie C. Ph. E. Bachs) und: „In Rav­els bekan­ntestem Stück steigert sich eine achtzehn­tak­tige Melodie, begleit­et von einem Bolero-Rhyth­mus“ (zum Bolero). Das gab es bei „Kaisers Klas­sik“ in der Bun­ten präzis­er, liebevoller und „ver­führerisch­er“.
Ungereimte Aus­sagen wie die, dass Bachs „Wohltem­periertes Klavier“ auch unter dem Namen „48 Prälu­di­en und Fugen“ bekan­nt ist, mag man den vielle­icht musikunkundi­gen Über­set­zern anlas­ten, dass Liszts h‑Moll-Sonate „ver­schiedene Sätze früher­er Sonat­en“ enthält, wohl schon nicht mehr. Auch eine Aus­sage, dass Mus­sorgsky „die west­lichen Har­moniefol­gen“ nicht kan­nte, ist uner­freulich, auch wenn man gewil­lt ist, der Sim­pliz­ität des Pop­ulären gewisse Zugeständ­nisse zu machen. Diese Beispiele ließen sich fort­führen. Ihre Exis­tenz schadet der grund­sät­zlich hoch zu loben­den Idee eines solchen Buchs nicht wenig.
Gün­ter Matysiak