Kolbe, Corina

Klassik im Hintertreffen?

Was die Klassik von der Rock-Pop-Branche lernen kann

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 01/2011 , Seite 21
Rock und Pop bewegen Millionen von Menschen und ebenso viele Gemüter. Die Branche hat längst erkannt, welche Vorbildfunktion ihre Künstler beim Publikum haben und welche Verantwortung ihnen dadurch auch zukommt. Möglicherweise sind "grüne" Initiativen im Rock- und Pop-Bereich deshalb schon weiter als in der Klassik. Was könnte diese unter Umständen vom populären Musikbereich lernen?

Madon­na war dabei, auch Metal­li­ca, Bon Jovi, Lenny Kravitz, Red Hot Chili Pep­pers sowie viele andere Stars ließen sich nicht lange bit­ten. Bei der größten Bene­fizver­anstal­tung aller Zeit­en spiel­ten am 7. Juli 2007 auf allen Kon­ti­nen­ten Rock- und Pop­bands 24 Stun­den lang für den Kli­maschutz. Ini­tia­tor der “Live Earth”-Konzerte war der ehe­ma­lige US-Vizepräsi­dent Al Gore, dessen Engage­ment gegen die glob­ale Erwär­mung durch den Oscar-gekrön­ten Film Eine unbe­queme Wahrheit ein weltweites Pub­likum fand.
Die War­nun­gen vor den Fol­gen der Kli­makatas­tro­phe sind sei­ther immer ein­dringlich­er gewor­den. Die Welt­ge­mein­schaft ist jedoch nach wie vor weit davon ent­fer­nt, eine gemein­same Strate­gie zu find­en. Jacob Bil­abel, ein früher­er Man­ag­er von Uni­ver­sal Music, wollte nicht taten­los zuse­hen und grün­dete die “Green Music Ini­tia­tive” – eine Plat­tform, auf der die Musik­wirtschaft mit Unter­stützung von Umweltwissenschaftlern und Kün­stlern aktiv gegen den CO2-Ausstoß vorge­hen will.
“Erre­icht wer­den diese Ziele nur, wenn alle ihren Teil dazu beitra­gen”, erk­lärte Bil­abel. Und die Musik­branche trage durch ihren weltweit­en Ein­fluss auf die öffentliche Wahrnehmung eine große Mitver­ant­wor­tung. Wie die “Green Music Ini­tia­tive” her­vorhebt, ver­braucht die Musik- und Enter­tain­mentin­dus­trie erhe­bliche Men­gen an Energie. Allein in Großbri­tan­nien wur­den 2007 rund 54.0000 Ton­nen Klima­gase freige­set­zt. Das entspricht den jährlichen CO2-Emis­sio­nen ein­er Stadt mit 54.000 Ein­wohn­ern oder denen von 180.000 Kraft­fahrzeu­gen.
Zu den Vor­re­it­ern in Sachen Kli­maschutz gehört mit­tler­weile die Band Radio­head, die auf Tourneen und bei der Pro­duk­tion neuer CDs gezielt Energie einspart, um ihren ökol­o­gis­chen Fußab­druck zu reduzieren. Die “Green Music Ini­tia­tive” set­zte weit­ere Zeichen, indem sie etwa in diesem Jahr das erste Leit­bild für eine umweltverträgliche Berlin Music Week ent­warf. Die Teil­nehmer der Branchen­messe wur­den dazu angeregt, Verur­sach­er von Klima­gasen zu iden­ti­fizieren und Nach­haltigkeits­maß­nah­men umzusetzen.

Von der Rock- und Pop-Szene ler­nen
Diese neuen Ansätze kön­nen auch für die Klas­sik­branche Vor­bild­charak­ter haben. Auf der Suche nach neuen Pub­likumss­chicht­en haben Orch­ester, Opern­häuser und kleinere Klas­sik-Ensem­bles in den ver­gan­genen Jahren zunehmend Gren­zen über­schrit­ten und sich weit­er zur Gesellschaft hin geöffnet. Ziel ist es, Ange­hörige unter­schiedlich­er Gen­er­a­tio­nen und sozialer Schicht­en für klas­sis­che Musik zu begeis­tern und die Men­schen in ihrem jew­eili­gen Umfeld “abzu­holen”. Dabei erscheint es ganz und gar nicht abwegig, die wach­sende Sorge um die Umwelt zu the­ma­tisieren. So will z.B. die neue Ini­tia­tive “Orch­ester des Wan­dels”, die von Mit­gliedern der Staatskapelle Berlin gegrün­det wurde, mit Part­nerorch­estern und anderen Inter­essierten ein großes Net­zw­erk zum Schutz des Kli­mas bilden und das Pub­likum zum konkreten Han­deln bewe­gen. Viele Men­schen stün­den ver­mut­lich kurz davor, zugun­sten der Umwelt aktiv zu wer­den, meinen die Musik­er, die dafür die entschei­den­den Impulse geben wollen. Die geplanten “Kli­makonz­erte” mit klas­sis­ch­er Musik, die sich auch außer­halb von Berlin fortpflanzen sol­llen, sind von ihrer Logik her gar nicht so weit von “Live Earth” ent­fer­nt. Sie sollen allerd­ings kein sin­guläres Event sein, son­dern den Kli­maschutz auf län­gere Sicht vorantreiben.
In der Rock- und Pop­szene kön­nen Fes­ti­vals wie “Melt!” in den kom­menden Open-Air-Saisons die Chance nutzen, ihr “grünes” Image weit­er zu fes­ti­gen. Das “Melt! Fes­ti­val”, das in diesem Som­mer rund 22.000 Fans auf das ehe­ma­lige Tage­baugelände Ferro­polis bei Dessau lock­te, stellte über einen Part­ner Auto­busse bere­it. Die Besuch­er verabre­de­ten sich in sozialen Net­zw­erken und waren selb­st dafür ver­ant­wortlich, die Busse zu füllen. Von Köln aus fuhr außer­dem ein Hotelzug ab, der für viele Leute die Frage nach ein­er Unterkun­ft am Zielort über­flüs­sig machte. Die hohe Zahl von Buchun­gen zeigte, dass viele Rock­fans am lieb­sten ohne Auto anreisen woll­ten. Vom 130 Kilo­me­ter ent­fer­n­ten Berlin aus wurde als kli­ma­neu­trale Alter­na­tive auch eine Rad­tour organ­isiert.
Umwelt­ber­a­terin des “Melt! Fes­ti­vals” war die “Green Music Ini­tia­tive”, die mit der Deutschen Energie-Agen­tur DENA einen Verkehrs­plan erstellte. Bil­abel ist fest davon überzeugt, dass sich ein solch­er Ein­satz auch bei einem kleineren Fes­ti­val lohnt. Ein Drit­tel der Gäste komme schließlich nicht aus Deutsch­land, betonte er. Die Treib­haus­gase, die auf vie­len Hun­dert Autok­ilo­me­tern aus­gestoßen wer­den, will das Fes­ti­val entschei­dend ver­ringern.
Auch die vom Bun­desumwelt­min­is­teri­um geförderte Kam­pagne “Kli­ma sucht Schutz” stand “Melt!” mit Rat und Tat zur Seite. So genan­nte Strom­Check­er waren auf dem Gelände unter­wegs, um Fes­ti­valbe­such­er über ihren Elek­triz­ität­skon­sum aufzuk­lären. Im August unter­stützte die Kam­pagne erst­mals auch ein Klas­sikkonz­ert auf Schloss Ulrichs­husen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Der Geiger Daniel Hope hat­te im Rah­men sein­er Ini­tia­tive “Tu was!” mehrere Kol­le­gen zusam­menge­bracht, um für den Kli­maschutz zu musizieren.
Jen­seits der Gren­ze in Däne­mark haben die Umweltak­tivis­ten in der Musik­szene bere­its einige Jahre Vor­sprung. Die Ver­anstal­ter des Rock­fes­ti­vals in Roskilde vergeben begehrte Über­nach­tungsplätze auf einem ökol­o­gisch kor­rek­ten Camp­inggelände nur an klimabe­wusste Besuch­er. Die Ini­tia­tive “Green Foot­steps” (Grüne Fußab­drücke) ver­langt, dass sie dafür min­destens drei “grüne” Tat­en nach­weisen. Dazu gehören etwa das Recyceln von Klei­dungsstück­en, Müll­tren­nung und Ein­ladun­gen zu umwelt­fre­undlichen „Din­ner Par­ties“, bei denen vor allem veg­e­tarische Speisen aus der Region serviert wer­den sollen. Auch die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmit­teln wird hier gezielt unterstützt.

www.greenmusicinitiative.de
www.meltfestival.de
www.roskilde-festival.dk/uk/about_the_festival/green_footsteps