Robertson, Karl-Olof

kammarmusik – chamber music

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Robertson Music RMCD 001
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 75

Zweifel­sohne gehört Karl-Olof Robert­son (1918–2009) zu jenen Musik­ern und Kom­pon­is­ten, die ohne das Engage­ment ein­er einzel­nen Per­son oder gar eines Fam­i­lien­mit­glieds (in diesem Fall des selb­st als Musik­er täti­gen Sohnes) rasch in den Strudel der Musikgeschichte ger­at­en und durch das let­ztlich doch allzu grob­maschige Netz enzyk­lopädis­chen Wis­sens fall­en wür­den. Die mit ein­er solchen Rezep­tion ver­bun­de­nen Mech­a­nis­men lassen sich (ansatzweise) leicht benen­nen: Wed­er ein öffentlich wirk­samer Skan­dal noch eine irgend­wie her­aus­ra­gende Kom­po­si­tion sorgte für ein nach­haltiges Pressee­cho, wed­er die Anstel­lung noch der Ort eines langjähri­gen Wirkens erscheinen tra­di­tionsver­haftet oder mondän, das kom­pos­i­torische Œuvre lässt sich unter stilis­tis­chen Gesicht­spunk­ten kaum als pro­gres­siv beschreiben und ist in gedruck­ten Aus­gaben (wenn über­haupt) nur schw­er greif­bar. Das schöpferische Schw­ergewicht liegt zudem auf Gat­tun­gen und Beset­zun­gen, die aus dem Blick­winkel ein­er ver­meintlich zeit­genös­sis­chen Ästhetik als zumin­d­est „zweifel­haft“ gel­ten müssen.
All diesen hier nur kat­a­log­a­r­tig genan­nten Kri­te­rien wird auf eige­nar­tige Weise die Biografie und das Werk von Karl-Olof Robert­son gerecht, der nach seinem Studi­um am Kon­ser­va­to­ri­um der Königlichen Schwedis­chen Musikakademie (dem Vor­läufer der 1971 gegrün­de­ten Musikhochschule) seit 1952 als Kirchen­musik­er in Huskvar­na wirk­te – ein­er Stadt am Vät­tern, die mehr durch die Pro­duk­tion von Kühlschränken und Wohn­wa­gen denn durch her­aus­ra­gende musikalis­che Aktiv­itäten Berühmtheit erlangte. Umso größer sind an solchen Orten freilich die Her­aus­forderun­gen an die eigentlichen Kul­turträger: mithin an den Organ­is­ten und Chor­leit­er oder den sich redlich mühen­den Lehrer. Entsprechend wid­mete sich Robert­son kom­pos­i­torisch vor allem der geistlichen Musik (zehn sein­er Melo­di­en haben Ein­gang in das schwedis­che Gesang­buch von 1976 gefun­den). Darüber hin­aus schrieb er aber auch Orch­ester­w­erke und Kam­mer­musik – in einem unprob­lema­tis­chen, nüchtern for­mulierten roman­tis­chen Stil, den er sich eher bei Dag Wirén abge­lauscht hat­te als bei seinem eigentlichen Lehrer Lars-Erik Lars­son, dem wohl wichtig­sten nordis­chen Vertreter ein­er vom Neok­las­sizis­mus bee­in­flussten Mod­erne.
Und also bietet die vor­liegende CD nur insofern Über­raschun­gen, als man doch ein­mal mehr über die Gle­ichzeit­igkeit des Ungle­ichzeit­i­gen nachzusin­nen angeregt wird. Beispiel­haft dafür ste­ht etwa das Konzert­präludium für Klavier­trio aus dem Jahr 1985, das man allen­falls (und mit Blick auf die Eige­narten der skan­di­navis­chen Musikgeschichte) in der zweit­en Dekade des 20. Jahrhun­derts verorten würde. Ander­er­seits han­delt es sich bei den Tra­di­tion­al Chorals (1992) wegen ihres inni­gen Ton­falls um so hin­reißende, leicht spiel­bare Minia­turen, dass man dieses Werk jedem Schülerensem­ble auf das Pult stellen sollte.
CD und Noten­ma­te­r­i­al kön­nen erwor­ben wer­den über Anders Robert­son, der selb­st als Cel­list bei den Göte­borg­er Sin­fonikern tätig ist.
Michael Kube