Naske, Elisabeth

Kamfu. “Wie das Leben so spielt”

für Viola solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2013
erschienen in: das Orchester 04/2014 , Seite 72

Die öster­re­ichis­che Kom­pon­istin und Cel­listin Elis­a­beth Naske (*1963) ist mit Kom­po­si­tio­nen für Kinder bekan­nt gewor­den. Im Auf­trag der Jeunesse Öster­re­ich ver­tonte sie das Kinder­buch Das kleine Ich bin ich, im Auf­trag der Wiener Volk­sop­er hauchte sie der „feuer­roten Friederike“ von Chris­tine Nöstlinger ein Kinderopern­leben ein. Es fol­gte 2007 Die Oma­ma im Apfel­baum für die Wiener Staat­sop­er und 2008 Die rote Zora fürs Luzern­er The­ater. Auch Kam­fu, im Auf­trag des Lux­em­burg­er Casi­nos geschrieben und 2009 daselb­st durch die lux­em­bur­gis­che Vio­lapro­fes­sorin Danièlle Hen­ni­cot uraufge­führt, hat ein Kinder­buch zur Inspi­ra­tionsquelle, näm­lich Kam­fu mir helfen?, im sel­ben Jahr beim Ver­lag Antje Kun­st­mann erschienen. Indes ist dieser Zwölfminüter beileibe keine leichte Kost. Wet­tbe­werb­steil­nehmern kön­nte er in der Runde „Zeit­genös­sis­ches Werk“ die Schweißtropfen auf die Stirn und wohl noch so manchem bratschen­den Eleven die leise Verzwei­flung in die Augen treiben.
Kam­fu begin­nt „majestätisch“, stellt ein ele­fan­tös und leicht neben der Spur trot­ten­des The­ma vor. Eine bolero­hafte Rhyth­mus­fig­ur, mit ein­er großen Sep­time etwas linkisch her­aus­trompetet, beherrscht die Szener­ie und ist im Fol­gen­den in viel­er­lei Abwand­lun­gen immer wieder erkennbar. Auch wer das erwäh­nte Kinder­buch nicht ken­nt, in dem ein Ele­fant mit verknick­tem Rüs­sel und fol­glich Sprach­prob­le­men Rat bei drei rüs­sel­tra­gen­den Kol­le­gen (einem Ameisen­bären, einem Schwein, ein­er Fliege) sucht, ver­ste­ht: Kam­fu ist Pro­gram­m­musik, ist eine kurzweilige Erzäh­lung mit Fin­ten, Gefühlsum­schwün­gen, trompetösen Lamen­tosi, schwindel­er­re­gen­den Ent­kno­tungs-Arpeg­gien, Wut­tränchen und insek­tuös sir­ren­den Zweiund­dreißig­stelket­ten, die in gefährlich sum­mende Triller mün­den. Im Buch scheint die Sache am Ende aber gut auszuge­hen; denn das erwäh­nte The­ma kehrt auf Seite 14 und 15 „stolz und tri­um­phierend“ zurück und mün­det – dem Bolero-Finale zuerst nicht unähn­lich – in ein „grandios­es“ Forte, das insistiert und sich immer weit­er steigert. Dass das Stück den­noch im Pianis­si­mo endet, ist ganz grafisch zu denken: Wohl tap­pen die Pro­tag­o­nis­ten in den fer­nen Son­nenun­ter­gang.
„Wie das Leben so spielt“ ist der Unter­ti­tel des kleinen musikalis­chen Spaßes, der aller­hand Her­aus­forderun­gen tech­nis­ch­er und vor allem gestal­ter­isch­er Art bietet. Mehr als ein Stück für Vor­spiele, Wet­tbe­werbe und kleine Konz­erte will es wahrschein­lich gar nicht sein; wer in musikhis­torischen Dimen­sio­nen denkt, würde es über­fordern und missver­ste­hen. Nein, Kam­fu ist ein handw­erk­lich lustvoll durchgear­beit­etes Erzähl-Stückchen; keinem Zuhör­er zwis­chen zwölf und siebzig, musik­er­fahren oder nicht, dürfte die Zeit dabei lang wer­den. Wer bietet mehr?
Mar­tin Morgenstern