Turnage. Mark-Anthony

Kai for Solo Cello and Ensemble (1989–90)

Piano Reduction by John Blood, Klavierauszug und Solostimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, London 2008
erschienen in: das Orchester 09/2009 , Seite 66

Der 1960 geborene Mark-Antho­ny Tur­nage gehört zu jenen zeit­genös­sis­chen Kom­pon­is­ten, die – zeitlich und räum­lich in sicher­er Dis­tanz zu Darm­stadt und zum her­metis­chen Main­stream der Stock­hausen-Ära – unbe­fan­gen auf das Erbe der Tradition(en) zurück­greifen und von neuem Mut beseelt sind, Kat­e­gorien wie Expres­siv­ität und Ver­ständlichkeit ins Zen­trum ihres musikalis­chen Tuns zu rück­en. So ver­wun­dert nicht, dass der Jazz zu ein­er Haupte­in­flussquelle der Musik des Briten wurde. Viele Werke Tur­nages enthal­ten Pas­sagen, die vernehm­lich von diesem Ein­fluss kün­den und zu den orig­inell­sten Jazz-Anver­wand­lun­gen in der so genan­nten E‑Musik der ver­gan­genen Jahrzehnte zählen. Oder um es mit den Worten des Kom­pon­is­ten zu sagen: „Plöt­zlich fand ich her­aus, dass diese Weltk­lasse-Leute – Thelo­nious Monk, John Coltrane, Miles Davis –, die aus der Musikgeschichte aus­geklam­mert wur­den, in den fün­fziger Jahren Sachen gemacht hat­ten, die inter­es­san­ter waren als zum Beispiel Boulez’ Pli selon pli.“
In Tur­nages Musik ste­ht die Frage „Coltrane oder Boulez?“ für weit mehr als nur eine stilis­tis­che Aus­rich­tung. Sein Schaf­fen ist geprägt von der Inten­tion, die Wertvorstel­lun­gen unser­er Zeit, die soziale Sit­u­a­tion des Men­schen, seine Nöte und Freuden musikalisch zu erfassen. Wenn er provozierend for­muliert, „Musik ver­gan­gener Zeit­en inter­essiert mich kaum. Was hat sie mit mir zu tun? Was mich musikalisch beschäftigt, ist das Über­leben des Indi­vidu­ums“, so erhellt aus diesen Worten ein von tiefer Human­ität geprägtes kün­st­lerisches Cre­do.
Aus den Jahren 1989 bis 1992, in denen Tur­nage als Com­pos­er in Asso­ci­a­tion zahlre­iche Werke für das Birm­ing­ham Sym­pho­ny Orches­tra schrieb, stammt die Kom­po­si­tion “Kai” für Vio­lon­cel­lo und Kam­merensem­ble, eine ein­drucksvolle Trauer­musik im Gedenken an den Cel­lis­ten Kai Schef­fler, der in den 1980er Jahren Mit­glied des Ensem­ble Mod­ern war und 1989 ver­starb.
In dem gut zwanzig­minüti­gen Stück ist das Solo-Cel­lo fast durchge­hend in aus­gedehn­ten lyrischen Lin­ien von schmerzvoll-kla­gen­dem Charak­ter zu hören, kon­tra­punk­tiert durch ein „jazz based“ Ensem­ble inklu­sive Sax­o­fone, Bass­gi­tarre und Drum­set. Der Kom­pon­ist charak­ter­isiert dieses Orch­ester-Accom­pa­g­ne­ment als „some­times aggres­sive, claus­tro­pho­bic“. Seinen lyrischen Grund­charak­ter ver­lässt der Cel­lopart lediglich in ein­er wilden Kadenz – ihre Vor­trags­beze­ich­nung lautet: Man­ic and free, unter­stützt durch die Angaben ffff, stac­ca­to, rough bow­ing –, die als Bindeglied zwis­chen zwei jaz­zar­ti­gen Pas­sagen fungiert. Im Schlussab­schnitt greift Tur­nage auf eine Arie seines Opern­frag­ments Min­gus zurück und gestal­tet hier­aus einen bewe­gen­den Abge­sang über dem Orgelpunkt cis, dem Zen­tral­ton auch des Eröff­nungsab­schnitts von Kai.
Es ist zu wün­schen, dass die hier vorgelegte Aus­gabe weit­ere Cel­lis­ten zum Studi­um des tech­nisch nicht über­mäßig schwieri­gen, dafür Ein­füh­lungsver­mö­gen, Flex­i­bil­ität und eine große klan­glich-dynamis­che Band­bre­ite erfordern­den Werks ans­pornt.
Ger­hard Anders