Summer, Mark

Julie-O

für Violoncello solo, revidierte Fassung, hg. von Mark Summer in Zusammenarbeit mit Christian Classen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ponticello Edition, Mainz 2009
erschienen in: das Orchester 09/2010 , Seite 63

Julie-O für Violoncello solo von Mark Summer ist ein Stück, das Spaß macht beim Anhören und Musizieren – und seinem Schöpfer, das ist schwerlich zu überhören, mit Sicherheit auch schon beim Komponieren. Es ist nicht neu: Als Improvisation entstand es bereits in den 1980er Jahren und ist auch auf zwei Alben des von Summer mitbegründeten Turtle Island String Quartet enthalten. Nun ist es in revidierter Fassung in der Ponticello Edition erschienen; allerdings sind die Änderungen wenig drastisch und beziehen sich nur auf einige Passagen.
Am jazzigen, rhythmusbetonten und immer noch improvisationsartigen Charakter der Komposition hat sich sowieso nichts geändert. Die vielfältigen Stimmungen seiner verschiedenen, einer groben Dreiteiligkeit untergeordneten Abschnitte machen das knapp vier Minuten dauernde Stück außerordentlich bunt. Tempi, Taktarten und Dynamik sind abwechslungsreich, und der Komponist überrascht mit ungewöhnlichen Spieltechniken wie „Ghost-Notes“ – extrem leise Töne, an der Spitze des Bogens zu spielen – und „Hammer-Ons“. Letztere werden im Pizzicatospiel erzeugt: Die linke Hand greift die Töne auf der schwingenden Saite kraftvoll ab, wodurch ebenso wie durch die akkordischen Pizzicati das Spielen auf einer Gitarre imitiert werden soll. Durch das Slappen der rechten Hand auf dem Griffbrett wiederum wird der Klang eines E-Basses nachgeahmt. Mitunter fühlt man sich an Country- oder Folk-Klänge erinnert. Dies gilt insbesondere für den A-Teil, dessen Melodie sich durch Slides und – vor allem in der Wiederholung, die übrigens auch durch eine eigene Improvisation ersetzt werden kann – durch ihre melancholische Färbung auszeichnet.
Dass sich das Stück, ursprünglich eine einfache Klaviermelodie, gro-ßer Beliebtheit erfreut, zeigen allein schon die zahlreichen Einspielungen bei YouTube. Das erwähnte sehr gelungene Hauptthema und auch die damit kontrastierenden schnellen, jazzigen Passagen wecken die Lust zum Nachspielen. Besonderen Spaß machen diejenigen Takte im Mittelteil, in denen sich Hammer-Ons in der linken Hand mit Slappen der rechten Hand sehr schnell abwechseln, da man sich hier als Cellist einmal fast fühlen darf wie ein Bassist oder Perkussionist. Gerade deshalb ist der Schwierigkeitsgrad von Julie-O aber auch recht hoch einzustufen: Die Herausforderung, neben den komplizierten Spieltechniken auch noch die vielfältigen Stimmungswechsel des Stücks interpretatorisch überzeugend umzusetzen, bewältigen wohl nur Fortgeschrittene.
Die Herausgabe der revidierten Fassung, die in Zusammenarbeit mit dem Cellisten Christian Classen entstand, begründet der 1958 in Kalifornien geborene Mark Summer in den Anmerkungen zur Partitur übrigens damit, dass er das Stück nach vielen Aufführungen „mittlerweile an einigen Stellen etwas anders höre“.
Julia Hartel