Steinbeck, Anke

Jenseits vom Mythos Maestro

Dirigentinnen für das 21. Jahrhundert

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr, Köln 2010
erschienen in: das Orchester 09/2010 , Seite 61

Opern­sän­gerin­nen sind seit Jahrhun­derten eine Selb­stver­ständlichkeit, in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten haben sich die Frauen Fagott, Horn, Kon­tra­bass und Pauken erobert, die Zahl der – dur­chaus erfol­gre­ichen – Kom­pon­istin­nen wächst eben­falls. Bleibt also das Dirigieren als let­zte Män­ner-Bas­tion? 2008 waren von 133 Chef­posten in deutschen Orch­estern ger­ade mal drei mit Diri­gentin­nen beset­zt.
„Was müsste an gesellschaftlich­er Entwick­lung getan (oder abge­wartet) wer­den, damit Diri­gentin­nen genau so selb­stver­ständlich wer­den wie Diri­gen­ten? Dieser Punkt wäre genau in dem­sel­ben Moment erre­icht, in dem die Exis­tenz des Diri­gen­ten ins­ge­samt obso­let und über­flüs­sig gewor­den wäre, das Bild der Macht seinen Zauber und seine Funk­tion ver­loren hätte.“ Diese Äußerung von Hans-Klaus Junghein­rich (1986) zeigt exem­plar­isch, wie eng der „Mythos Mae­stro“ tra­di­tionell mit Durch­set­zungskraft, Führungsstärke und männlichen Kon­no­ta­tio­nen ver­bun­den ist. In Zeit­en der Auflö­sung dieses Mythos, in einem Struk­tur­wan­del, der von kom­mu­nika­tivem Führungsstil, von Beispie­len selb­stor­gan­isiert­er und basis­demokratisch ver­fasster Orch­ester und von ein­er Vielzahl alter­na­tiv­er und beweglich­er Ensem­bles und Präsen­ta­tio­nen geprägt ist, liegt es nahe, über
das Berufs­bild und damit auch über die Ent­fal­tungsmöglichkeit­en von Diri­gentin­nen neu nachzu­denken.
Anke Stein­beck tut es auf eine sehr umfassende Weise. Sie unter­sucht Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen, Förderin­stru­mente, Wet­tbe­werbe, den Ein­fluss von Agen­turen, Man­age­ment und Pub­likum und die (immer noch prob­lema­tis­che) Darstel­lung von Diri­gentin­nen in den Medi­en. Das Vor­drin­gen von Frauen in ehe­mals monogam geprägte Räume wie Mil­itär, Hochleis­tungss­port und Wirtschafts­man­age­ment wird zum Ver­gle­ich herange­zo­gen, und auch sozial­wis­senschaftliche The­o­rien zur Ungle­ich­be­hand­lung von Frauen in gegengeschlechtlich aufge­baut­en Organ­i­sa­tio­nen sind für die The­matik auf­schlussre­ich. In ein­er empirischen Unter­suchung hat die Ver­fasserin Mei­n­un­gen von Orch­ester­musik­erin­nen und -musik­ern zur Akzep­tanz von Diri­gentin­nen erhoben, wobei 75,7 Prozent der Befragten der Mei­n­ung waren, dass das Geschlecht keine Rolle spiele, während immer­hin 14,1 Prozent – darunter auch Musik­erin­nen – angaben, sie spiel­ten „bevorzugt unter der Leitung eines Diri­gen­ten“.
Zusam­men mit den im Anhang abge­druck­ten Gesprächen mit Diri­gentin­nen und Vertreterin­nen und Vertretern des Man­age­ments ist ein sehr lesenswertes Buch ent­standen, das Polar­isierun­gen ver­mei­det und
mit dem The­ma vielschichtig und dif­feren­ziert umge­ht. In vie­len State­ments bekommt man den Ein­druck, dass das Orch­es­ter­di­rigieren tat­säch­lich für Musik­erin­nen die härteste Bas­tion ist, die es noch zu erstür­men gilt. Die Bestand­sauf­nahme von Anke Stein­beck gibt aber Anlass zu vor­sichtigem Opti­mis­mus.
Der his­torische Teil, der die Arbeit ein­leit­et, ist lei­der sehr fehler­haft. Hier bewegt sich die Autorin offen­sichtlich auf frem­dem Ter­rain, und man kann nur empfehlen, dieses Kapi­tel zu überblät­tern.
Freia Hoff­mann