Mäkelä, Tomi

Jean Sibelius. Poesie in der Luft

Studien zu Leben und Werk

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2007
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 73

Es muss schon einiger­maßen erstaunen, dass es 45 Jahre dauerte, bis die ver­di­en­stvolle, oft­mals aber auch apolo­getisch ges­timmte, an orig­i­nalen Quellen rare und im werk­an­a­lytis­chen Bere­ich diskus­sion­swürdi­ge Sibelius-Biografie von Ernst Tanzberg­er (Wies­baden 1962) nun durch eine neue Pub­lika­tion von Tomi Mäkelä zu Leben und Werk pünk­tlich zum 50. Todestag des Kom­pon­is­ten abgelöst wird. Das lange Schweigen ist dabei wohl haupt­säch­lich auf die nicht unbe­lastete Sibelius-Rezep­tion im deutschen Sprachraum zurück­zuführen.
Doch auch die Forschungs­be­din­gun­gen sind schwierig. Darauf macht Mäkelä bere­its im Vor­wort sein­er umfan­gre­ichen Studie aufmerk­sam: „Nur in Finn­land und in finnis­ch­er Sprache ist fast alles zugänglich.“ Daraus resul­tiert eine sich von Nation zu Nation unter­schei­dende Rezep­tion, die bisweilen noch immer von ide­ol­o­gis­chem Bal­last bes­timmt wird wie hierzu­lande: „Schlecht ist höch­stens die Qual­ität der Rezep­tion in der deutschsprachi­gen Fach­welt. Eine Chance zur dauer­haften Aktu­al­isierung des Sibelius-Bildes in Deutsch­land bildet die Betra­ch­tung seines Schaf­fens im kul­turellen und ideengeschichtlichen Zusam­men­hang.“
In diesem Sinne geht es Mäkelä auch nicht um eine mit Doku­menten angere­icherte Nacherzäh­lung biografis­ch­er Sta­tio­nen, son­dern zum einen um die Rekon­struk­tion der Sibelius umgeben­den (kultur)historischen Rah­menbe­din­gun­gen, zum anderen um die Dekon­struk­tion tradiert­er Bilder und Urteile (beispiel­sweise denen von Wal­ter Nie­mann und Theodor W. Adorno). So ist es der inti­men Ver­trautheit des Autors mit der finnis­chen Kul­tur zu ver­danken, dass Aspek­te wie etwa die „Ent­deck­ung“ der Kale­vala eine Ver­tiefung erfahren, die die entschei­den­den Wen­dun­gen in Sibelius’ Schaf­fen erst ins rechte Licht rück­en – eine Ver­tiefung, die nicht bei Sibelius als Per­son ste­hen bleibt, son­dern sein Leben in einen weit­en Kon­text stellt: Bin­nen weniger Seit­en gelangt man von Busoni über Her­zo­gen­berg zu Robert Fuchs und Karl Gold­mark, um dann bei Kuller­vo auf die Cav­al­le­ria rus­ti­cana und den Sacre zu tre­f­fen.
Unter Ein­schluss genereller Fragestel­lun­gen gelingt es Mäkelä, aus Sibelius’ per­sön­lich­er Per­spek­tive für die ersten Dezen­nien des 20. Jahrhun­derts ein his­torisches Kon­tin­u­um zu entwer­fen, das weit über den oft­mals eng gefassten Begriff ein­er „Biografie“ hin­aus­ge­ht. Kon­se­quent mutet es daher an, dass nur sel­ten ein­mal einzelne Werke in den Fokus gerückt wer­den, wie auch kom­po­si­tion­stech­nis­che Details kaum eine Rolle spie­len.
Hier ist ein Buch ent­standen, an dem die (Fach-)Literatur über Sibelius nicht vor­beikom­men wird und das auch mit seinem strin­gent durchge­hal­te­nen method­is­chen Ansatz ein­er von der Musik her und für die Musik gedacht­en kul­turhis­torischen Betra­ch­tungsweise vor­bildlich ist.
Michael Kube