Jazz in Opera meets Jiggs Whigham

live at Konzerthaus Dortmund 28.11.2004

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Artivo Records 9002
erschienen in: das Orchester 11/2007 , Seite 94

Wer wenig Zeit hat, liest seit kurzem „Short-Books“. Werke der Weltlit­er­atur schrumpfen da auf max­i­mal acht Seit­en zusam­men. Zeit sparen kön­nen aber auch Opern­fans. Car­men für Eilige zum Beispiel, gespielt vom Ensem­ble „Jazz in Opera“, dauert kaum 20 Sekun­den. Serviert wird der musikalis­che Espres­so als let­zter Take auf ein­er bei Arti­vo Records erschiene­nen CD, die einen Konz­ert­mitschnitt vom Novem­ber 2004 im Konz­erthaus Dort­mund präsen­tiert. Damals stand das Dort­munder Ensem­ble „Jazz in Opera“ zusam­men mit dem renom­mierten Posaunis­ten Jig­gs Whigh­am als Star­gast auf der Bühne. Anlass war das 30-jährige Beste­hen des Ensem­bles. Gespielt wur­den bekan­nte Stücke aus Oper, Operette und Konz­ert, aber auch Jazz-Stan­dards wie etwa How high the moon von Bart Howard oder Don’t get around much any­more von Duke Elling­ton.
Das Ensem­ble „Jazz in Opera“ wurde vor mehr als dreißig Jahren von Mit­gliedern der Dort­munder Phil­har­moniker gegrün­det. Bis 1992 trat man vor­wiegend als Dix­ieland-Band auf, danach formierte sich um den Geiger Wal­ter Schip­per und den (mit­tler­weile ver­stor­be­nen) Bassis­ten Fre­di Klare die Quin­tet­tbe­set­zung, zu der noch Har­ald Neukirch (Klavier, Arrange­ments), Matthias Grim­minger (Klar­inette) und Jan Fre­und (Schlagzeug) gehören. Dieses Ensem­ble beschritt neue Wege und wid­mete sich einem mehr kam­mer­musikalis­chen Jaz­zstil, der eine Ver­schmelzung von klas­sis­ch­er Musik und Jazz anstrebt. Dabei ver­läuft die „Kon­tak­tauf­nahme“ der Gen­res in bei­den Rich­tun­gen. Den ersten Teil von How high the moon etwa hat Neukirch unter Ver­wen­dung von Inter­vall­bausteinen des The­mas als neo­barock­es Präludi­um gestal­tet. Das kon­tra­punk­tis­che Geflecht wird allerd­ings nach kurz­er Zeit von einem entspan­nten Swingtep­pich abgelöst, über dem sich Jig­gs Whigh­ams mal but­ter­we­ich­es, mal markantes Spiel entwick­eln kann. Häu­figer jedoch wird der umgekehrte Weg eingeschla­gen – ein klas­sis­ches The­ma wird mit Mit­teln des Jazz in Szene geset­zt. Aus dem „Largo“ aus der Dvor?ák’schen „Neue-Welt“-Sinfonie etwa macht das Ensem­ble eine ruhig schwin­gende Bal­lade, die die bekan­nte Musik neu beleuchtet, ihr aber nichts von
der träumerischen Melan­cholie nimmt. Von den bei­den The­men aus „Solveigs Lied“ nach Grieg startet das Ensem­ble impro­visatorische Aus­flüge ins Reich des Bossa Novas, die Romanze aus der Kleinen Nacht­musik verbindet sich mit Cole Porters Night and Day zur Lit­tle Night and Day Music, die auch Beethovens Elise und Ein Männlein ste­ht im Walde und andere Zitate ein­schmilzt. Mit fer­nöstlichen Assozi­a­tio­nen spielt But­ter­fly Lovers, während Drunt’ in der Lobau als her­rlich sen­ti­men­tale Schram­mel­musik begin­nt und als – vom Audi­to­ri­um beklatschter – Jazz-Marsch fort­ge­set­zt wird. Die Arrange­ments von Har­ald Neukirch wirken nie über­laden, verbinden Anspruch mit Augen­zwinkern. Jed­er Solist erhält genü­gend Raum zur Ent­fal­tung, gle­ichzeit­ig kommt auch kam­mer­musikalis­ches Spiel zu seinem Recht. Störend ist lediglich, dass Klar­inette und Vio­line von der Auf­nah­me­tech­nik zeitweise stiefmüt­ter­lich behan­delt wer­den und klin­gen, als wür­den sie irgend­wo hin­ter der Bühne spie­len.
Math­ias Nofze