Grabner, Hermann / Johann Nepomuk David / Gerard Bunk / Friedrich Klose

Jauchzt, alle Lande

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ambitus amb 96 951
erschienen in: das Orchester 10/2013 , Seite 77

Gegenüber vie­len auf Hochglanz polierten Neuer­schei­n­un­gen auf dem CD-Markt scheint diese Auf­nahme beina­he wie aus der Zeit gefall­en. Vier dur­chaus streng kom­ponierte Orgel­w­erke des 20. Jahrhun­derts aus Deutsch­land und Öster­re­ich hat der Nürn­berg­er Kirchen­musik­er Wieland Hof­mann aus­ge­graben und möglicher­weise zum ersten Mal einge­spielt – jeden­falls ist keine der Kom­po­si­tio­nen derzeit ander­swo auf Ton­träger erhältlich. Zur Ent­deck­ung wird die CD vol­lends durch den Ein­satz von Blech­bläsern, die an zweien der Werke ein­drucksvoll par­tizip­ieren: keine abend­fül­lende Auf­gabe für das Blech­bläserensem­ble der Bam­berg­er Sym­phoniker, dafür jedoch etwas ganz anderes als die sattsam bekan­nten Bear­beitun­gen, die viele Kol­le­gen vorziehen.
Zu hören ist zuerst der 66. Psalm Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren von Her­mann Grab­n­er (1886–1969), der auch Musik­wis­senschaftlern meist nur als Ver­fass­er von The­o­rielehrw­erken bekan­nt sein dürfte. Dass er in diesem Orgel­w­erk auf kom­plexe Kon­tra­punk­tik nicht verzicht­en würde, war daher schon vor dem ersten Hörein­druck zu erwarten. Den­noch ist Grab­n­ers 66. Psalm kein auskom­poniertes The­o­ri­etrak­tat, son­dern ein reizvolles, konz­er­tantes Opus in der neo­barock­en Tra­di­tion der deutschen Orgelschule.
Strenger und wie aus schw­erem Eichen­holz geschnitzt kommt dage­gen Johann Nepo­muk Davids (1895–1977) Introi­tus, Choral und Fuge für Orgel und Bläs­er daher, ein stark chro­ma­tisch angelegtes, kantiges Werk. Der Bezug zu Bruck­n­er, der für David ein wichtiges Vor­bild war, wird nicht sogle­ich deut­lich, gelingt jedoch umso ein­drucksvoller, wenn die Blech­bläs­er nach neun­minütigem Orgel­so­lo mit einem markan­ten Oktavthe­ma ein­set­zen, das an den Schlusssatz der vierten Sin­fonie erin­nert und wie ein Fanal in das Stück ein­bricht.
Während der Öster­re­ich­er David dur­chaus zu den wichti­gen Kom­pon­is­ten des 20. Jahrhun­derts zählt und auch ein bedeu­ten­der Kom­po­si­tion­slehrer war, wurde der gebür­tige Hol­län­der Ger­ard Bunk (1888–1958) mehr als Organ­ist und Kirchen­musik­er der Dort­munder Reinoldikirche bekan­nt, deren große Wal­ck­er-Orgel 1943/44 zer­stört, später aber wieder­aufge­baut wurde. Seine Leg­ende für Orgel op. 29 ist deut­lich far­biger instru­men­tiert und dem Mis­chk­lang verpflichtet als die anderen Werke der CD – ein gut hör­bares, bisweilen sog­ar schmis­siges Stück. Den Abschluss bildet schließlich das Präludi­um mit Dop­pelfuge für Orgel und Bläs­er von Friedrich Klose (1862–1942), der nicht nur ein großer Bruck­n­er-Verehrer, son­dern sog­ar ein Schüler des Wiener Meis­ters war und ein Bruck­n­er-The­ma in den Mit­telpunkt des Werks stellt. Auch hier set­zen die Blech­bläs­er erst zum tri­umphalen Höhep­unkt der Dop­pelfuge ein, kön­nen dann aber noch mächtig strahlen und beein­druck­en. Schade, dass man nicht die Namen der her­vor­ra­gend aufgelegten Bam­berg­er Blech­bläs­er erfährt und auch eben­so wenig die Dis­po­si­tion der Kuhn-Orgel in der Nürn­berg­er St.-Martin-Kirche. Doch schmälert das kaum den Wert dieser span­nen­den Ent­deck­ung. 
Johannes Killyen