Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.)

Jahrbuch für Kulturpolitik 2010

Thema: Kulturelle Infrastruktur. Kulturstatistik, Chronik, Literatur, Adressen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Klartext, Essen 2010
erschienen in: das Orchester 06/2011 , Seite 66

Den entschei­den­den Satz find­et man bere­its auf Seite 9: „Die Erfahrung zeigt: Mit Kürzun­gen im Kul­ture­tat kann man keine Haushalte sanieren!“ Er stammt nicht etwa von einem Kul­tur­lob­by­is­ten, son­dern vom Staatsmin­is­ter Bernd Neu­mann. Nichts wün­schte man sich mehr als diese Ein­sicht auch bei den Finanzpoli­tik­ern! Denn – das sagt Neu­mann in Anlehnung an den ver­stor­be­nen Bun­de­spräsi­den­ten Johannes Rau – Kul­tur ist „nicht das Sah­ne­häubchen, son­dern die Hefe im Teig“ für unsere Gesellschaft.
Nun sind diese Ein­sicht­en nicht gän­zlich neu, doch was den vor­liegen­den Band als ein Muss für die tägliche Arbeit wichtig macht, ist die Mis­chung aus Infor­ma­tion (eine sehr bre­ite Zusam­men­stel­lung von kul­tur­poli­tis­chen Ereignis­sen oder von Neuer­schei­n­un­gen), ganz grund­sät­zlichen kul­tur­poli­tis­chen Beiträ­gen (sie kön­nen oft helfen, die eige­nen Argu­men­ta­tions­ket­ten zu über­prüfen) sowie zusät­zlich detail­liert aus­gear­beit­eten Einzel­fra­gen.
30 Einzel­beiträge – sie kön­nen hier nicht auch nur annäh­ernd vorgestellt wer­den. Deswe­gen sei nur auf Scheytts „Pflich­tauf­gabe, Grund­ver­sorgung und kul­turelle Infra­struk­tur“, auf Mertens’ „Deutsche Orch­ester­land­schaft im Wan­del“ und Reubands „Kul­turelle Par­tizipa­tion als Lebensstil“ hingewiesen. Scheytt arbeit­et den metapho­rischen Begriff von „der Hefe im Teig“ klein, denn die Frage nach der staatlichen Ver­ant­wor­tung kann nicht gren­zen­los sein. Aber: Wie definiert man dann den Begriff der Grund­ver­sorgung für alle!? Mertens zieht nach 20 Jahren deutsch­er Vere­ini­gung Bilanz – und die ist bedrück­end: Während zwis­chen 1990 und 2010 in den west­lichen Orch­estern sieben Prozent der Planstellen einges­part wur­den, waren es zur gle­ichen Zeit in Deutsch­land (Ost) 34,62 Prozent. Eine in der Tat erschreck­ende Bilanz, wenn man bedenkt, dass die kul­turelle Par­tizipa­tion in der DDR wesentlich bess­er abgesichert war, als sie es heute ist. Und mit der Par­tizipa­tion befasst sich auch Reuband, indem er fünf unter­schiedliche deutsche Städte unter­sucht und nach der Nutzung der ver­schiede­nen Kul­turein­rich­tun­gen auf dem Hin­ter­grund von Alter, Bil­dung und Geschlecht fragt. Nur ein Ergeb­nis, das sich jet­zt noch ein­mal empirisch bele­gen lässt: „Die Gen­er­a­tion der Klas­sik­lieb­haber erodiert, die Klas­sik­lieb­haber dro­hen langfristig auszuster­ben (sofern nicht durch beson­dere Maß­nah­men in der Zukun­ft die jün­geren nachwach­senden Gen­er­a­tio­nen an die Klas­sik herange­führt wer­den).“
Eine Aus­nahme bildet der eher irri­tierende Beitrag von Markus Rhomberg und Markus Trön­dle, denn die Autoren beschäftigten sich mit 26 aus­gewählten pub­lizis­tis­chen Reak­tio­nen (Tageszeitun­gen, Region­alzeitun­gen und Online-Plat­tfor­men) des recht erfol­gre­ichen Trön­dle-Buchs Das Konz­ert. Doch lei­der erhält man anschließend keine Infor­ma­tio­nen über die Auswahlkri­te­rien der Zeitun­gen noch wer­den zahlre­iche Aus­sagen genauer belegt. Wis­senschaftlich ist dieses Ver­fahren nicht.
Den­noch: Wer genaue Hin­weise auf den Kul­turbe­trieb in Deutsch­land (über das Jahr 2009 hin­aus!) für seine Arbeit braucht, wird reich­lich fündig mit genauen Dat­en, präzisen Analy­sen und klu­gen Inter­pre­ta­tio­nen.
Hans Bäßler