Brahms, Johannes / Leos Janácek

Intimate Letters

Streichquartett a-Moll / Streichquartett No. 2

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 86066
erschienen in: das Orchester 07-08/2007 , Seite 82

Noch in seinem 74. Leben­s­jahr hat Leos Janácek ein Werk von aller­höch­ster emo­tionaler Inten­sität geschaf­fen. Das in der Musik hin­ter­legte Gefühls­geständ­nis von Janáceks Inti­men Briefen, so der Titel seines zweit­en Stre­ichquar­tetts, ken­nt eine Adres­satin: Kami­la Stösslová, die Frau, die er abgöt­tisch liebte.
Auch in Brahms a‑Moll-Quar­tett op. 51/2, das das Heine Quar­tett mit Janáceks Inti­men Briefen gekop­pelt hat, geht es um men­schliche Beziehun­gen. Brahms’ ursprüngliche Wid­mung an Joseph Joachim hat­te er wegen eines Zer­würfniss­es mit dem Geiger wieder fall­en lassen. Doch Joseph Joachim, der das Quar­tett ungeachtet der vor­ma­li­gen Dif­feren­zen mit dem Kom­pon­is­ten urauf­führte, hat­te die im Kopf­satz ver­steck­te Ton­folge f‑a-e sehr wohl ver­standen, verkör­perte dieses Motiv doch das Mot­to der gemein­samen Fre­unde Joseph Joachim, Robert Schu­mann, Johannes Brahms und Albert Diet­rich: „Frei, aber ein­sam.“
Man kön­nte meinen, dass das Hin­ter­grund­wis­sen um so viel innere Glut, die diesen bei­den Werken gemein ist, sich auch auf den gestal­ter­ischen Ansatz auswirk­te. Doch das Heine Quar­tett wählte etwa für Brahms’ a‑Moll-Quar­tett eine Herange­hensweise ohne jedes schwärmerische Moment. Nimmt man beispiel­sweise den Kopf­satz des Werks, so erscheinen Ele­mente wie eine impul­sive Akzen­tu­ierung oder ein geweit­eter Ambi­tus der Dynamik zurückge­drängt, das Ensem­ble achtet mehr auf Stim­me­naus­gle­ich und auf Durch­sichtigkeit und erweist sich eher alter­sweise als jugendlich forsch. Immer bleibt die Ästhetik dabei ein Kor­rek­tiv des Tem­pera­ments. So bekommt man auch die nach­fol­gen­den Sätze zu hören, in aus­ge­wo­gen­er Bal­ance und edler Abgek­lärtheit das Andante mod­er­a­to, in mildes Licht getaucht und in klein­teiliger Ele­ganz den drit­ten Satz. Erst im Finale kom­men Impe­tus und Strahlkraft ins Spiel, bleiben aber auch hier einge­bun­den in eine aus­gek­lügelte gestal­ter­ische Akku­ratesse.
Doch dies alles bekommt der Wieder­gabe außeror­dentlich gut; die Trans­parenz der Tex­tur ist beispiel­haft und, hat man sich erst ein­mal einge­hört in diese so feingeistige Gestal­tungsweise, öffnet sich dem Hör­er ein wahres Kalei­doskop an sen­si­bel­ster Abtö­nung, an Lebendigkeit und höch­ster Span­nungs­fülle.
Äußer­ste Durch­hör­barkeit und klan­gliche Ästhetik bes­tim­men auch die Darstel­lung von Janáceks zweit­em Stre­ichquar­tett. Niemals überze­ich­net das Heine Quar­tett die hart aufeinan­der­fol­gen­den musikalis­chen Kon­traste, niemals über­spitzt das Ensem­ble – so etwa im zweit­en Satz – die pen­etri­erende Marter von Janáceks Fig­uren­ver­ket­tung. Unge­mein fein­füh­lig weiß man demge­genüber mit den Klang­far­ben umzuge­hen und ver­mag dem sehn­suchtsvollen Ton­fall noch eine man­is­che Kom­po­nente beizuord­nen. Die aneinan­derg­erei­ht­en musikalis­chen Glieder wer­den fein­nervig ver­net­zt und wahren auch in ihrer dis­parat­en Vielfalt einen organ­is­chen musikalis­chen Fluss. Der rein tech­nis­che Aspekt der Klang­mod­el­lierung gerät dabei niemals in den Fokus des Hör­ers, das Höch­st­maß an Genauigkeit erwächst unge­mein diszi­plin­iert wie aus sich selb­st her­aus und erweist sich von ein­er phänom­e­nalen Leichtigkeit.
Thomas Bopp