Werke von Maurice Ravel, Antonín Dvořák, Florian Willeitner, Daniel Stoll u. a.

In the Fields

Vision String Quartet

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: ACT/BR Klassik
erschienen in: das Orchester 10/2026 , Seite 78

Schon mit dem letzten Album Spectrum ging das Vision String Quartet, damals noch mit Jakob Encke an der ersten Violine, ganz eigene Wege in der Quartettlandschaft. Ausschließlich poppig angehauchte Eigenkompositionen waren da zu hören – eingängig und verspielt, originell und mit Groove. Nun hat das in Berlin ansässige Quartett mit In the Fields ein neues Album vorgelegt, das Sätze aus dem vierten Quartett von Béla Bartók, den zweiten Satz aus dem Ravel-Quartett und den dritten Satz aus Dvořáks 13. Quartett in
G-Dur mit davon inspirierten eigenen Stücken kombiniert. Wie Bartók in seiner Feldforschung macht sich auch das Vision String Quartet auf die Suche nach neuen Klängen – und hat sich dafür mit Joel Lyssarides (Klavier), Mahan Mirarab (Gitarre) und Bernhard Schimpelsberger (Percussion) exquisite Gastmusiker eingeladen. Die Instrumente, die die vier Musiker auf dem Coverfoto in eine Wiese pflanzen, tragen reiche Früchte.
Bereits das Eröffnungsstück, der bulgarische Tanz Kopanitsa im 11/8-Takt, entführt mit seinen orientalischen Skalen, den virtuosen Verzierungen der Violine, den jazzigen Klavierimprovisationen und den auf den Resonanzkörpern der Instrumente geklopften Rhythmen in aufregende musikalische Welten. Ravels elegant gezupfter zweiter Satz „Assez vif, très rythmé“ verarbeitet Enckes Nachfolger Florian Willeitner zu einem ruhigen „Ravel Reloaded“, das im Klavier immer mehr in den Flow kommt und zu einer mitreißenden Jazznummer mutiert. Das gespenstische, mit Dämpfer gespielte Prestissimo aus Bartóks viertem Quartett mit dezenter, aber auch verzichtbarer Percussion und der schwebende dritte Satz „Non troppo lento“ (Cello: Leonard Disselhorst) werden in Willeitners Lydian Rose mit Flageoletts weitergeführt, ehe ein Walzer einen Hauch von Leichtigkeit verbreitet. Auch das Scherzo aus Dvořáks letztem Quartett profitiert von der rhythmischen Lebendigkeit des Vision String Quartets (Violine 2: Daniel Stoll, Viola: Sander Stuart) – in den beiden Trios wird klanglich gezaubert. Das Thema übernimmt Willeitner in das folgende Dvořák Reloaded, das Pianist Joel Lyssarides verjazzt. Noch komplexer wird es bei Mahan Mirarabs Convalescence inklusive vertracktester Linien. Und was die Visions bei Bartóks Allegro-molto-Finale an Spielfreude und ungebremster Energie, aber auch an Gestaltungskraft im Detail entwickeln, ist schlicht atemberaubend.
Davon kann man sich im chilligen, an der Kitschgrenze schrammenden Skymning von Joel Lyssarides erholen, das fließende Klavier-Arpeggien mit Streicherakkorden kombiniert. Vor wenigen Monaten hat auch Florian Willeitner, der durch seine Kompositionen und Arrangements dieses Album geprägt hat, das Ensemble verlassen – mit dem dänischen Geiger Adam Koch wird aber schon das nächste Kapitel dieses außergewöhnlichen Ensembles aufgeschlagen.
Georg Rudiger

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