Turgut Erçetin
in-between
ELISION Ensemble, Ensemble Musikfabrik, SWR Symphonieorchester, Ltg. Aaron Cassidy und Brad Lubman
„Zum Raum wird hier die Zeit“, bedeutet der weise Gurnemanz dem Jungspund Parsifal. Wagners philosophisch gemünzter Verweis auf zwei eng verschlungene Parameter der Musik gewinnt in Turgut Erçetins Porträt-CD in-between erhellende Bedeutung. Diese Aufnahme hat der Deutsche Musikrat dem aus Istanbul stammenden 42-jährigen Komponisten in seiner ambitionierten Edition zeitgenössischer Musik gewidmet.
Geprägt durch das Gleichzeitige des Ungleichen seiner Geburtstadt zwischen Orient und Okzident, hat Turgut Erçetin die Wechselwirkung von Klang und Klangraum an der Stanford University wissenschaftlich erforscht. 2016 wechselte er mit einem Stipendium nach Berlin, wo er seither lebt. In komplexen, kontraststarken Kompositionen wie dem Phänomen zwischen zwei Wörtern (b) von 2023 bezieht er gar verschwundene, per 3-D-Modell virtuell rekonstruierte Hallräume wie die Johannes-Basilika des sechsten Jahrhunderts in Ephesus und die Kirche der Heiligen Apostel im alten Konstantinopel oder eine akustische Simulation der Hagia Sophia im heutigen Istanbul ein.
Turgut Erçetins Parallelführung von Vergangenheit und Gegenwart manifestiert sich treffend in diesem längsten Werk der CD. Ein vierköpfiges, um einen Halbton auf 415 Hertz tiefer gestimmtes Barock-Quartett des Elision Ensembles mit schnatternder Oboe, plappernder Klarinette, krächzendem Fagott und sanftem Cembalo prallt auf das düster grummelnde, sich schon mal aufbäumende SWR Symphonieorchester unter Brad Lubmans konziser Leitung. Wenn dazu in einer Kadenz tropfende Klavier- und Harfenklänge hineinhauchen, sind Irritationen vorprogrammiert.
Dieses hauchende Moment vernehmen wir schon im ersten, kaum kürzeren Stück in den Zauberklängen der Celesta im 13-köpfigen Kammerorchester des famosen Ensembles Musikfabrik unter Aaron Cassidys wachem Überblick. Drei Gruppen, Schlagzeug mit Celesta, Klavier und Streichtrio, ein Holzbläserquartett mit Flatterklängen und als dritte eine sonore Blechbläser-Gruppe, widmen sich den Thousand Dead Bodies Under My Bed, All Cloaked with the Breath of the Living (2021). Das ist eine vielschichtige Reminiszenz an die Toten und die Traumata, die nicht ruhen wollen.
Ein Duett von Kornett und Posaune, die sich mikrotonal mit skurrilen Zügen wie zwei grunzende Riesen gebärden, bietet Das Phonem zwischen zwei Wörtern (a) von 2022; eine irrlichternd impressionistisch schillernde Klavier- und Harfenpassage mit Holzbläsern das 2023 entstandene Phonem zwischen zwei Wörtern (c). Und in Resonances von 2016 weitet sich ein Klarinetten-Monolog zum Dialog mit einem Streichtrio.
Bernd Aulich


