Raderer, Friederike C./Rolf Wehmeier

Immer bekommt der blöde Tenor die Dame

Opern-Anekdoten

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Reclam, Stuttgart 2010
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 68

Man muss Oper­nanek­doten eigentlich aus dem Munde der­er hören, von denen sie stam­men. Aufgeschrieben ver­lieren sie meist an Bril­lanz und Witz. Nun hat nicht jed­er Gele­gen­heit zu Gesprächen mit Sängern, Diri­gen­ten, Kom­pon­is­ten und anderen Men­schen aus dem Opern­be­trieb. Friederike Rader­er und Rolf Wehmeier gehören zu jenen, die aus dem Vollen erlebter Gespräche mit Büh­nenkün­stlern schöpfen kön­nen, aus denen man ja eigentlich am allerbesten das, was die Oper aus­macht, ken­nen ler­nen kann. Giuli­et­ta Simion­a­to, eine der bedeu­tend­sten Mez­zoso­pranistin­nen der Mailän­der Scala, die erst vor weni­gen Monat­en, kurz vor ihrem hun­dert­sten Geburt­stag, gestor­ben ist, sagte übers Sin­gen ein­mal: „Man sollte eigentlich mit einem Kör­perteil sin­gen, das ich nicht zu nen­nen wage.“
Solche Offen­heit­en sind sel­ten. Meist wer­den Anek­doten ja entschärft, geglät­tet, salon­fähig gemacht. Auch bei Rader­er und Wehmeier ist das so. Und doch blickt man in ihrem inspiri­eren­den Anek­doten­band hin­ter die Kulis­sen des Oper­nall­t­ags. Unter den Rubriken „Pro­duk­tion“, „Pre­miere“ und „Danach“ haben sie aller­hand Selb­st­ge­hörtes, Abgeschriebenes und Ange­le­senes gesam­melt über Pausen­ge­spräche, Probe­nar­beit, Finanzen, Konkur­ren­zkämpfe und Beken­nt­nisse hin­ter den Kulis­sen: Men­schlich-Allzu­men­schlich­es, Humoriges, Friv­o­les und Bis­siges. Chris­tel Goltz beispiel­sweise, als sie vor weni­gen Jahren gefragt wurde, was sie von Regis­seuren hielte, antwortete: „Von zehn würde ich neun erschießen!“
Auch von Neid und Eifer­sucht erfährt man so manch­es in dem Anek­doten­bänd­chen: Die Tochter von Wag­n­er-Sänger Erik Schmedes soll zum berühmten Tenor Leo Slezak gesagt haben: „Weißt du, Onkel Leo, du bist halt ein Sänger, aber mein Papa ist ein Kün­stler.“ Slezak darauf: „Wenn dein Papa das hohe C hätte, wäre er auch ein Sänger!“ Nicht ganz ohne Grund soll der Kom­pon­ist Pietro Mascagni das ital­ienis­che Wort für dumm – stu­pido – wie fol­gt gesteigert haben: „Stu­pido – stu­pidis­si­mo – tenore.“ Und doch beklagte einst Bernd Weikl: „Immer bekommt der blöde Tenor die Dame.“ Aber auch die sin­gen­den Damen bekom­men ihr Fett ab. Mirella Freni, die in den 1970er Jahren, als nor­mal­gewichtige Sän­gerin­nen eher die Aus­nahme waren, gefragt wor­den sei, ob sie spezielle Diät halte, habe geant­wortet: „No, io man­gio nor­male! Ich esse nor­mal!“ Angesichts der Mod­elfig­uren der heuti­gen Div­en würde wohl dem­nächst der Tod eines Sprich­worts zu bekla­gen sein. Dazu ein weit­eres Zitat aus der Samm­lung: Im Mai 2004 sollte „die sehr gewichtige Deb­o­rah Voigt als Ari­adne auf Nax­os in Covent Gar­den das ‚Kleine Schwarze‘ tra­gen. Sie passte nicht mehr hinein und wurde kurz­er­hand vom Cast­ing-Direk­tor gekündigt und durch eine schlankere Sän­gerin erset­zt.“
Der Opern­be­trieb ist hart. Es darf gelacht wer­den.
Dieter David Scholz