Hans-Christian von Dadelsen

Im Off-Beat

Wie Musik Wirklichkeit erschafft

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Schott Music, Mainz
erschienen in: das Orchester 10/2026 , Seite 70

Thema dieses Buchs, dessen Texte zum Teil Varianten früherer Publikationen des Autors sind, ist die Betrachtung von Musik anhand dessen, was nicht in den Noten steht. Zumindest ist dies die Spur, die Hans-Christian von Dadelsen in seinem essayistisch angelegten Werk verfolgt. Es ist offensichtlich von Victor Zuckerkandls Buch Die Wirklichkeit der Musik beeinflusst, was aber erstaunlicherweise mit keinem Wort erwähnt wird. In der Doppelrolle als Musiktheoretiker und Komponist zeigt sich Dadelsen einerseits erfrischend unkonventionell und assoziationsfreudig, veranstaltet andererseits aber im ständigen Wechsel von analytischen, philosophischen, poetischen und glossierenden Texten ein Rodeo, bei dessen Kapriolen man zuweilen den Halt zu verlieren droht.
Dadelsen definiert Musik als Welle, was an sich nicht neu ist. Doch setzt er die Immaterialität der Welle in Beziehung zur Wahrnehmung, in der die Musik sich als Organismus verkörpert und „verwirklicht“. Der titelgebende „Off-Beat“ ist dabei nicht nur in herkömmlicher Bedeutung als Akzentverschiebung zu verstehen, sondern meint generell den Gegenschlag, das Querständige, das die Spannung erzeugt, die einen Prozess sich überlagernder Schwingungen in Gang setzt.
Dadelsen betrachtet unterschiedliche Genres und durchbricht die Trennung von Hochkultur und Pop, indem er die Musik Mozarts und Ligetis mit der gleichen analytischen Akribie unter die Lupe nimmt wie die von Robbie Williams oder Bob Dylan. Er unterzieht den traditionellen Blick auf die Musikgeschichte einer Revision, indem er den Modellen eines materialorientierten „Fortschritts“ die Dynamik von Systemsprüngen entgegensetzt, bei denen sich die musikalischen Subsysteme immer wieder neu arrangieren.
Das ist im Einzelnen durchaus faszinierend zu lesen und stellt Werke so unterschiedlicher Komponisten wie Killmayer, Feldman oder Reich in neue Zusammenhänge, indem Polaritäten wie beispielsweise Tonalität-Atonalität oder Einfachheit-Komplexität aufgelöst werden. Dabei erscheint die wiederholte Kritik am Materialdenken und einer rational-analytischen, seriellen Betrachtungsweise angesichts inzwischen nicht mehr ganz aktueller musikalischer Entwicklungen fast etwas obsolet. Und dass Dadelsen es nicht bei musikwissenschaftlicher Analyse belässt, sondern immer wieder Ausflüge in Quantenphysik und kabbalistische Zahlenmystik unternimmt, führt zuweilen in das Gestrüpp spekulativer Esoterik. Wenn man sich in diesem aber nicht verirrt und den Gedanken vorurteilsfrei und kritisch zu folgen bereit ist, ist das Buch eine anregende, wenn auch manchmal provozierende Lektüre, die manche gewohnten Denkmuster auf den Kopf bzw. die Füße stellt.
Klaus Angermann

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