Avni, Tzvi

Im eigenen Tempo

Mein Leben mit der Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Pfau, Saarbrücken 2014
erschienen in: das Orchester 06/2015 , Seite 70

Jan­u­ar 1935: Der braune Mob marschiert durch Saar­brück­en. Viele Juden des dama­li­gen Saarge­bi­etes sind alarmiert. Auch die Steinkes aus der Sophien­straße 3 erken­nen die Gefahr. Vater, Mut­ter und ihr Sohn Her­mann Jakob machen sich auf den Weg nach Palästi­na. Es war eine
Entschei­dung, die dem kaum achtjähri­gen Jun­gen das Leben ret­tete. Unter dem Namen Tzvi Avni wird er ein­er der wichtig­sten israelis­chen Musik­er, der die nun­mehr 60-jährige Musikgeschichte des zwar jun­gen, aber auf eine Jahrtausende alte Tra­di­tion bauen­den Staates Israel entschei­dend mitbes­timmt.
Nun liegt die Auto­bi­ografie des mit­tler­weile 87-jähri­gen Kom­pon­is­ten auch in deutsch­er Über­set­zung vor. Im schlicht­en Schreib­stil nimmt er den Leser „im eige­nen Tem­po“ an die Hand. Führt ihn in die Saar­brück­er Sophien­straße und zeigt ihm das Erschreck­en des Kindes, als sein guter Fre­und Hel­mut beim Auf­marsch der Braun­hem­den begeis­tert „Heil Hitler“ ruft. Wir begleit­en ihn in den ersten Jahren in Palästi­na, wo in der Schule aus Her­mann Tzvi wird; erfahren von seinem Schmerz, als sein Vater von ein­er krim­inellen Bande während des ara­bis­chen Auf­s­tands 1938 ent­führt und ermordet wird; und wir fol­gen ihm in die „Zauber­welt“ der Musik, die er sich mit ein­er Ziehhar­moni­ka der Fir­ma Hohn­er erschließt.
Seine Lehrer und musikalis­chen Weg­weis­er sind u.a. Mordechai Seter, Paul Ben-Haim, Wal­ter Levi, Abel Ehrlich, Frank Pel­leg, Georg Singer oder Yitzchak Edel: ein Who is Who der  israelis­chen Musik­szene. Ins­beson­dere Ben-Haim führte ihn zunächst zum Musik­stil, „den wir alle sucht­en“: Region­al-mediter­rane Merk­male ver­schmelzen mit ein­er abendländis­chen Musikauf­fas­sung. Seter stand dage­gen wie Boskovitch und Pár­tos für einen deut­lich radikaleren, dis­so­nan­ten Umgang mit den folk­loris­tis­chen Wurzeln. Wie Avni zwis­chen diesen Polen seinen musikalis­chen Weg find­et, das führt Michael Wolpe in sein­er hil­fre­ichen Ein­führung vor Augen. Schließlich wen­det sich Avni hin zur europäis­chen und amerikanis­chen Mod­erne mit  Live-Elek­tron­ik und abstrak­ten Klän­gen, die er mit ver­traut­en tra­di­tionellen und melodis­chen Ele­menten mixt.
Seit den 1980er Jahren kennze­ich­net die Ton­sprache Avnis ein neo-roman­tis­ch­er Stil, dem er „aus­ladende Expres­siv­ität beimis­cht“ und in die er Pop­u­lar- und Volksmusik inte­gri­ert. Oft gibt es dabei einen zen­tralen Bezugspunkt: eine auss­chweifende Melodielin­ie, die immer wieder von reichen instru­men­tal­en Klang­far­ben umgeben ist. Der Kom­pon­ist, in dem „auch ein Maler steckt“, wie er selb­st sagt, malt reiche Klang­land­schaften. In dem Buch sind aber auch Gedichte veröf­fentlicht wie auch einige sein­er Essays zu mod­ern­er Musik, elek­tro­n­is­ch­er Musik, ori­en­tal­is­chem Lied oder Musik und Tanz.
Der Vor­sitzende des Israelis­chen Kom­pon­is­ten­ver­ban­des nimmt alles auf, was passiert: poli­tisch, ökonomisch und kul­turell. So baut er Brück­en, wie mit einem ara­bisch-jüdis­chen Jugen­dorch­ester – und durch die fre­und­schaftlichen Reisen nach Saar­bück­en. Tzvi Avni geht „im eige­nen Tem­po“. Es lohnt sich, ihm zu fol­gen.
Christoph Ludewig