Zelenka, Jan Dismas

Il serpente di bronzo

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Nibiru 0146-2211
erschienen in: das Orchester 10/2006 , Seite 93

Zu Lebzeit­en hoch gepriesen, von der Nach­welt sträflich vergessen – selb­st dieser Klas­sik­er unter den Kom­pon­is­ten­schick­salen greift bei Jan Dis­mas Zelen­ka zu kurz. Denn der 1679 in Böh­men geborene und 1745 in Dres­den gestor­bene Bach-Zeitgenosse erlangte, auch als er sich noch bester Gesund­heit erfreute, nie die Stel­lung, die der Qual­ität sein­er Kom­po­si­tio­nen angemessen gewe­sen wäre.
In Launowitz geboren, war Zelen­ka in erster Lin­ie am berühmten Dres­d­ner Hof tätig – wo er sich freilich zurück­ge­set­zt fühlen musste: Er war lediglich als Kon­tra­bassist tätig und für die katholis­che Hofkirchen­musik zuständig, durfte zwar den Kapellmeis­ter Johann David Heinich vertreten – musste bei der Neube­set­zung jedoch hin­ter dem auf­streben­den Johann Adolf Has­se zurück­ste­hen.
Auch aus diesem Grund kom­ponierte Zelen­ka fast nur Kirchen­musik und trieb in seinen let­zten Leben­s­jahren die Kon­tra­punk­tik des altehrwürdi­gen Palest­ri­na-Stils bis zur expres­siv­en Verdich­tung des Aus­drucks, würzte sie zugle­ich mit dem Far­ben­re­ich­tum des mod­er­nen Orch­ester­satzes und der sinnlichen Freude des neapoli­tanis­chen Opern­stils. Die Werke des Böh­men tra­gen eine eigene Prä­gung und kön­nen dur­chaus neben die Kom­po­si­tio­nen Bachs, Hän­dels oder Tele­manns treten.
Im Jahr 1730 erhielt Zelen­ka erst­mals die Gele­gen­heit, ein Kar­wocheno­ra­to­ri­um für den Dres­d­ner Hof zu schreiben. Es ent­stand in Zusam­me­nar­beit mit dem Dres­d­ner Hofli­bret­tis­ten Pallavici­ni das bedeu­tende und in der drama­tis­chen ital­ienis­chen Tra­di­tion ste­hende Ora­to­ri­um Il ser­pente di bron­zo (Die Bronzeschlange), das nun, einge­spielt vom tschechis­chen Ensem­ble Iné­gal, erst­mals auf CD vor­liegt. Offen­bar war das in der Dres­d­ner Lan­des­bib­lio­thek gelagerte Manuskript des Werks lange Zeit unbeachtet geblieben.
Worum geht es in der Bronzeschlange? Das Volk Israel ist auf der Flucht aus Ägypten der Verzwei­flung nahe, da befiehlt Gott Moses, eine bronzene Schlange zu gießen und an seinem Stock zu befes­ti­gen. Wer immer die Schlange ansieht, soll gerettet wer­den. Zelen­ka kom­poniert zu dieser Geschichte sprühende, ener­gis­che Arien und Chöre, er lässt sog­ar Gott selb­st auftreten. Doch im Vorder­grund ste­ht die kun­stvolle und ein­drück­liche Gestal­tung der Klage und des Gebets – wie es sich für ein Ora­to­ri­um zur Kar­woche gehört.
Mit Hana Blaz?ikowá, Petra Noskaiová, Peter Kooij, Alex Pot­ter und Jaroslav Br?ezina ist für diese Auf­nahme ein dur­chaus bemerkenswertes Solis­te­nensem­ble gewon­nen wor­den, das den Maßstäben bekan­nter­er Orig­i­nalk­lang-Ensem­bles gewach­sen ist. Lediglich die unteren Män­ner­stim­men wirken bisweilen blass. Das von Adam Vik­to­ra geleit­ete Ensem­ble Iné­gal macht deut­lich, dass his­torische Auf­führung­sprax­is auf hohem Niveau inzwis­chen auch in Tschechien zu Hause ist.
Lei­der ist das Book­let dieser Pro­duk­tion trotz kom­pe­ten­ter Begleit­texte etwas nach­läs­sig gestal­tet: Solis­ten­bi­ografien und Angaben über das Ensem­ble (das übri­gens die deutsche Ver­sion sein­er Home­page über­ar­beit­en lassen sollte) fehlen, der Text des Ora­to­ri­ums ist zwar abge­druckt, doch wer­den die Fas­sun­gen in ver­schiede­nen Sprachen nicht nebeneinan­der gestellt. Aber das ist angesichts des Reper­toirew­erts dieser Auf­nahme zu ver­schmerzen.
Johannes Killyen