Monteverdi, Claudio

II ritorno d’Ulisse in patria

Partitur/Klavierauszug, hg. von Rinaldo Alessandrini

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2007
erschienen in: das Orchester 09/2008 , Seite 65

Die Musik Clau­dio Mon­teverdis hat eine wahre Renais­sance erlebt, ins­beson­dere nach den ful­mi­nan­ten Zürich­er Auf­führun­gen mit dem Duo Harnoncourt/Ponnelle Mitte der 1970er Jahre. Und spätestens nach den Ein­spielun­gen wichtiger Werke in his­torisieren­der Auf­führung­sprax­is ist Mon­tever­di aus dem öffentlichen Musik­leben nicht mehr wegzu­denken. Der Kom­pon­ist war als Hof­musik­er in Man­tua entschei­dend an der „Erfind­ung“ der Oper beteiligt: Als eine der ersten ent­stand 1607 L’Orfeo, später (1640) in Venedig Il ritorno d’Ulisse in patria, ein von den Zeitgenossen umjubeltes Werk.
Die Sit­u­a­tion bei den Edi­tio­nen sein­er Werke war lange Zeit unbe­friedi­gend. Zwar existiert die von Gian Francesco Malip­iero betreute Gesam­taus­gabe, doch eine Neuedi­tion, die eine kri­tis­che Sich­tung und Neube­w­er­tung der Quellen vor­nahm und ins­beson­dere auch neue Erken­nt­nisse der Auf­führung­sprax­is berück­sichtigte, fehlte. Hier ver­spricht nun ein Pro­jekt des Bären­re­it­er-Ver­lags Abhil­fe: Rinal­do Alessan­dri­ni gibt kri­tis­che Aus­gaben von Werken Mon­teverdis her­aus, und die Bände zu Ulisse sind der Beginn dieses ver­di­en­stvollen Unternehmens.
Der Her­aus­ge­ber, der sich als Inter­pret (an der Spitze des Con­cer­to Ital­iano, als Cem­bal­ist, Organ­ist wie Pianist) einen Namen gemacht hat, gilt als führen­der Barock- und Mon­tever­di-Spezial­ist. Seine CD-Veröf­fentlichung des Orfeo ist jüngst in die Besten­liste der Schallplat­tenkri­tik für den Bere­ich Oper aufgenom­men wor­den. Bei ihm ist das Urtext-Pro­jekt also in besten Hän­den und der Startschuss mit der Heimkehr des Odysseus lässt hof­fen, dass sich die Noten­si­t­u­a­tion bei Mon­tever­di bald gek­lärt haben wird.
Sowohl Par­ti­tur wie Klavier­auszug entsprechen den Anforderun­gen, die man an eine wis­senschaft-kri­tis­che Aus­gabe stellt: Sie geben die einzig erhal­tene Quelle kor­rekt wieder; Tem­poangaben und Tak­tlän­gen wur­den beibehal­ten, lediglich bei der Ver­wen­dung von Schlüs­seln wurde mod­ernisiert. Das Schrift­bild ist klar und gut zu lesen, Ergänzun­gen des Her­aus­ge­bers (wie etwa bei der Bass-Bez­if­fer­ung) sind ken­ntlich gemacht. Der kri­tis­che Bericht (in der Par­ti­tur) belegt peni­bel Abwe­ichun­gen vom vor­liegen­den Manuskript, Vorschläge für Einzel­stellen, diskus­sion­swürdi­ge Pas­sagen etc., sodass alle Entschei­dun­gen des Her­aus­ge­bers über­prüft wer­den kön­nen. Im Vor­wort disku­tiert er Quel­len­lage, Entste­hungs- und Auf­führungs­geschichte des Werks, gibt darüber hin­aus aber auch für den Prak­tik­er hil­fre­iche Infor­ma­tio­nen zur Auf­führung­sprax­is der Zeit, von der er Vorschläge für die Real­isierung der Oper, ins­beson­dere für die Instru­men­tierung ableit­et. Der aus­ge­set­zte Bass (im Klavier­auszug) ist bewusst eher spar­tanisch gehal­ten und gibt dem aus­führen­den Con­tin­u­ospiel­er reich­lich Gele­gen­heit zu impro­visatorisch­er Auf­fül­lung. Den Klavier­auszug sieht Alessan­dri­ni auch mehr als Ein­studierung­shil­fe für Sänger.
Das Libret­to (ital­ienisch, englisch, deutsch) ergänzt die vor­bildliche Edi­tion. Man ist auf die Fort­set­zung neugierig, zumal es bei anderen Werken quel­len­mäßig kom­pliziert­er wer­den dürfte.
Wolf­gang Bir­tel