Reinhard Wulfhorst
Idylle und Vertreibung
Der Komponist Robert Kahn in Feldberg (Mecklenburg) 1910 bis 1939
„Einst gefeiert, dann vergessen“ war ein Konzert betitelt, mit dem 1985 in dessen Geburtsstadt Mannheim wieder auf den Komponisten Robert Kahn aufmerksam gemacht wurde. Eine begrenzte Neuentdeckung des einst von Johannes Brahms und Joseph Joachim Geförderten und mit Gerhart Hauptmann wie Albert Einstein Befreundeten ist seither gefolgt, die sich auch in einigen CD-Einspielungen widerspiegelt. Dass Kahns romantisch-klassizistisch geprägtes OEuvre nach dem Zweiten Weltkrieg erst einmal Terra incognita blieb, daran hatte auch der Rassenwahn der Nationalsozialisten Anteil – und eben dies ist das Hauptthema der vorliegenden Buch-Neuveröffentlichung. Ihr Autor Reinhard Wulfhorst, der sich mit seiner „Edition Massonneau“ auf die Musikgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns spezialisiert hat, leistete hierfür fleißige Recherchearbeit in Archiven und Gesprächen mit Nachkommen. Robert Kahns Schaffen mit Schwerpunkt im Bereich der Kammermusik und des Liedes wird nach einer einleitenden biografischen Skizze nur kurz gestreift. Dann wendet der Autor sich dem „Haus Obdach“ zu, jener Villa, die der in Berlin als Professor an der Königlichen Hochschule für Musik Tätige 1910 in idyllischer mecklenburgischer Seenlandschaft errichten ließ. Sie diente zunächst der Freizeit, nach Kahns Pensionierung 1930 dann als Hauptwohnsitz, bis er und seine Frau dem zunehmenden Druck der Judenverfolgung weichen mussten.
Materiell ausgeplündert konnten sie nach England emigrieren, wo Kahn seinen im Ruhestand begonnenen gigantischen Klavierzyklus Tagebuch in Tönen vollendete. Was die Verfolgung durch die Nazis betrifft, so bildet das Schicksal Kahns und seiner Familie keinen Anlass für eine Schwarz-Weiß-Zeichnung, sondern für ein Bild in mehrfach abschattierten Grau-Tönen, wie Reinhard Wulfhorst dokumentiert. Wohl wurde Robert Kahn gleich 1933 mit einer juristisch fragwürdigen Berufung aus der Berliner „Akademie der Künste“ ausgeschlossen, doch scheinen Freunde wie Wilhelm Kempff oder Wilhelm Furtwängler im eigenartigen Geflecht der kulturellen NS-Zuständigkeiten einiges für den Komponisten erreicht zu haben. Besonders merkwürdig mutet ein erhaltenes Dokument an, das im Namen der Gestapo den „Juden Robert Kahn“ vor Belästigungen zu schützen anweist. Dieses und vieles Weitere aus Kahns Jahren bis zur Auswanderung Überlieferte wirft Fragen auf, und es ehrt den Autor, dass er hier auf Spekulationen verzichtet und Widersprüche offen stehen lässt.
Ein ebenso trauriges Schicksal wie Robert Kahn war seinem „Haus Obdach“ beschieden. Das lange Zeit als Jugendherberge genutzte, dann leerstehende Gebäude fiel 2023 einem Brandanschlag zum Opfer; die Ruine wurde 2025 abgerissen.
Gerhard Dietel


