Reinhard Wulfhorst

Idylle und Vertreibung

Der Komponist Robert Kahn in Feldberg (Mecklenburg) 1910 bis 1939

Rubrik: Rezensionen
Verlag/Label: Edition Massonneau, Schwerin
erschienen in: das Orchester 11/2026 , Seite 72

„Einst gefeiert, dann vergessen“ war ein Konzert betitelt, mit dem 1985 in dessen Geburtsstadt Mann­heim wieder auf den Komponisten Robert Kahn aufmerksam gemacht wurde. Eine begrenzte Neuentde­ckung des einst von Johannes Brahms und Joseph Joachim Geför­derten und mit Gerhart Hauptmann wie Albert Einstein Befreundeten ist seither gefolgt, die sich auch in einigen CD-Einspielungen widerspiegelt. Dass Kahns romantisch-klassizistisch ge­prägtes OEuvre nach dem Zweiten Weltkrieg erst einmal Terra incognita blieb, daran hatte auch der Rassenwahn der Nationalsozialisten Anteil – und eben dies ist das Hauptthema der vorliegenden Buch-Neuveröffentlichung. Ihr Au­tor Reinhard Wulfhorst, der sich mit seiner „Edition Massonneau“ auf die Musikgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns spezialisiert hat, leistete hierfür fleißige Recherchearbeit in Archiven und Gesprächen mit Nachkommen. Robert Kahns Schaffen mit Schwerpunkt im Bereich der Kammermusik und des Liedes wird nach einer einleitenden biografischen Skizze nur kurz gestreift. Dann wendet der Autor sich dem „Haus Obdach“ zu, jener Villa, die der in Berlin als Professor an der Königlichen Hochschule für Musik Tä­tige 1910 in idyllischer mecklenburgischer Seenlandschaft errichten ließ. Sie diente zunächst der Freizeit, nach Kahns Pensionierung 1930 dann als Haupt­wohnsitz, bis er und seine Frau dem zunehmenden Druck der Judenverfol­gung weichen mussten.
Materiell ausgeplündert konnten sie nach England emigrieren, wo Kahn seinen im Ruhestand begonnenen gigantischen Kla­vierzyklus Tagebuch in Tönen vollendete. Was die Verfolgung durch die Nazis betrifft, so bildet das Schicksal Kahns und seiner Familie keinen Anlass für eine Schwarz-Weiß-Zeichnung, sondern für ein Bild in mehrfach abschattierten Grau-Tönen, wie Reinhard Wulfhorst dokumentiert. Wohl wurde Robert Kahn gleich 1933 mit einer juristisch fragwürdigen Berufung aus der Berliner „Akademie der Künste“ ausgeschlossen, doch scheinen Freunde wie Wilhelm Kempff oder Wilhelm Furtwängler im eigenartigen Geflecht der kulturellen NS-Zuständigkeiten einiges für den Komponisten erreicht zu haben. Besonders merkwürdig mutet ein erhaltenes Dokument an, das im Namen der Gestapo den „Juden Robert Kahn“ vor Belästigungen zu schützen anweist. Dieses und vieles Wei­tere aus Kahns Jahren bis zur Auswanderung Überlieferte wirft Fragen auf, und es ehrt den Autor, dass er hier auf Spekulationen verzichtet und Wider­sprüche offen stehen lässt.
Ein ebenso trauriges Schicksal wie Robert Kahn war seinem „Haus Ob­dach“ beschieden. Das lange Zeit als Jugendherberge genutzte, dann leerste­hende Gebäude fiel 2023 einem Brandanschlag zum Opfer; die Ruine wurde 2025 abgerissen.
Gerhard Dietel

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