Rößler, Antje

Hunger nach Erfahrung

Drei Berliner Studenten stellen eine eigene "Freischütz"-Produktion auf die Beine

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 04/2011 , Seite 40

Am Anfang waren bei­de im gle­ichen Dilem­ma. Zwei Stu­den­ten der Berlin­er Musikhochschule „Hanns Eisler“ besaßen viel Ehrgeiz und Mut, aber wenig prak­tis­che Erfahrung, als sie im ver­gan­genen Früh­jahr in einem Café über ihre Zukun­ft sin­nierten. Max­i­m­il­ian von Mayen­burg studiert Opern­regie im sech­sten Semes­ter. Elias Grandy ist ange­hen­der Diri­gent in der Klasse von Hans-Dieter Baum und ste­ht kurz vor dem Vordiplom.
„Uns fiel auf, dass wir bei­de Berufe anstreben, für die man einen riesi­gen Appa­rat braucht“, erin­nert sich der Regi­es­tu­dent von Mayen­burg. „Zwar ist unsere Hochschule recht gut aus­ges­tat­tet. Wir arbeit­en schon im ersten Stu­di­en­jahr szenisch mit Gesangsstu­den­ten und Klavier­be­gleitung. Aber die Möglichkeit, eine voll­ständi­ge Oper mit Orch­ester zu insze­nieren, gibt es sel­ten.“ Warum also nicht selb­st die Dinge in die Hand nehmen? Die bei­den kamen auf den Ein­fall, eine eigene Oper zu pro­duzieren. Für die Ausstat­tung holten sie sich eine Gle­ich­gesin­nte ins Boot: Nora Johan­na Gromer, die Büh­nen­bild an der TU Berlin studiert. Finanzielle Inter­essen ver­fol­gen die drei nicht. „Wir machen kein kom­merzielles Opern­event“, stellt von Mayen­burg klar. „Nie­mand von uns bekommt eine Gage. Wir wollen wertvolle Praxis­er­fahrung auf und hin­ter der Bühne sam­meln.“
Am Anfang stand die Suche nach einem geeigneten Stück, das aus finanziellen Grün­den von Laien­musik­ern und Gesangsstu­den­ten zu bewälti­gen sein sollte. „Außer­dem wün­scht­en wir ein Ensem­blestück, das nicht von ein­er oder zwei Haup­trollen getra­gen ist“, erk­lärt Regis­seur von Mayen­burg. „Und schließlich sollte es auch schöne Musik sein, die Spaß macht.“ Irgend­wann blieb dann Carl Maria von Webers Freis­chütz übrig.
Max­i­m­il­ian von Mayen­burg inter­essiert an dieser Oper weniger das Wald- und Jägerthe­ma. „Span­nend finde ich, dass es um eine Fam­i­lie geht, die mit über­liefer­ten Tra­di­tio­nen klarkom­men muss. Wie kommt es, dass es von kein­er Seite Ein­wände gegen die Schuss-Prü­fung gibt?“, über­legt er. „Außer­dem fasziniert mich die Ambivalenz der Fig­uren. Gut und Böse sind hier nicht ein­deutig geschieden.“
Auch wenn von Mayen­burg für die Regie zuständig ist, Grandy die musikalis­che Leitung übern­immt und Nora Johan­na Gromer sich um die Ausstat­tung küm­mert – ganz streng ist diese Auf­gaben­teilung nicht. „Unsere Grun­didee ist es, das Stück im Team auf die Bühne zu brin­gen und diesen Weg von Anfang an gemein­sam zu gehen“, erk­lärt der Diri­gent Elias Grandy. „Wir sehen die Musik und das Büh­nengeschehen als eine Ein­heit. Wir knüpfen aneinan­der an, inspiri­eren oder wider­sprechen uns.“ Mei­n­ungsver­schieden­heit­en bleiben da nicht aus. „Natür­lich haben wir manch­mal unter­schiedliche Ansicht­en“, ergänzt von Mayen­burg. „Dann disku­tieren wir darüber. Das ist kon­struk­tiv. Der Umgang mit Kon­flik­t­si­t­u­a­tio­nen gehört für mich zu diesem Lern­prozess dazu.“
Nach­dem sie sich auf den Freis­chütz geeinigt hat­ten, sucht­en die drei zukün­fti­gen Opern­mach­er einen geeigneten Saal. Der sollte genü­gend Zuschauern Platz bieten und einen Orch­ester­graben haben. Fündig wurde man im „Heimath­afen Neukölln“, einem alten Ball­saal, der seit zwei Jahren als Ver­anstal­tung­sort dient. „Die deutsche, von manchen als spießig ange­se­hene Nation­alop­er wird nun aus­gerech­net im jun­gen, pulsieren­den, mul­ti­kul­turellen Neukölln aufge­führt“, sagt von Mayen­burg. „Das hat mein Regiekonzept dur­chaus inspiri­ert.“
Als sie den Mietver­trag in der Tasche hat­ten, macht­en sich die drei Stu­den­ten auf die Suche nach einem Orch­ester. Elias Grandy sprach das Sin­fonie Orch­ester Schöneberg an, ein Laien-Ensem­ble, dessen Leit­er er schon ein paar Mal bei Proben vertreten hat­te. „Die Musik­er freuten sich, dass sie mal eine Oper spie­len kön­nen. Laien haben dazu ja kaum Gele­gen­heit“, erzählt der Diri­gent. Die Chor­par­tien übern­immt „uni­vo­cale“, ein Kam­mer­chor aus Stu­den­ten ver­schieden­er Berlin­er Uni­ver­sitäten.
Im Novem­ber ging man an die Auswahl der Gesangsstu­den­ten für die Solo-Par­tien. Von Mayen­burg und Grandy pin­nten Aushänge in den Berlin­er Musikhochschulen und ver­anstal­teten ein Cast­ing. „Wir haben eine sehr jugendliche Sän­gerin für die Agathe gefun­den“, meinen sie. „Bei uns ist das keine lei­dende Matrone.“
Die Musikhochschule „Hanns Eisler“ ste­ht hin­ter dem Pro­jekt „Freis­chütz im Heimath­afen Neukölln“ und bietet ideelle und auch eine gewisse mon­etäre Unter­stützung. Gle­ich­wohl küm­mern sich die Stu­den­ten vol­lkom­men eigen­ver­ant­wortlich um Organ­i­sa­tion und Finanzierung. Im Hin­blick auf den Lern­ef­fekt ist diese Kon­struk­tion opti­mal. „Wir ver­lassen die Sicher­heit des Hochschul­rah­mens, trotz­dem gibt es Rat­ge­ber als Sicher­heit­snetz im Hin­ter­grund“, sagt Max­i­m­il­ian von Mayen­burg. „Diese Mis­chung ist per­fekt!“
So ler­nen die Stu­den­ten beizeit­en, dass kün­st­lerische Pro­duk­tion ohne Sorge um den finanziellen Rah­men nicht zu haben ist. Sie müssen ohne öffentliche Mit­tel auskom­men und haben das Bud­get des Pro­jek­ts daher auf etwa 15000 Euro gedrückt. „Für die Saalmi­ete hat uns der Heimath­afen Neukölln ein sehr großzügiges Ange­bot gemacht; die kön­nen wir weit­ge­hend aus den Aben­dein­nah­men finanzieren“, erläutert von Mayen­burg die Kalku­la­tion. „Die Pro­duk­tion­skosten deckt zum einen Teil unsere Hochschule, zum anderen die Allianz Kul­turs­tiftung über die Gen­er­alvertre­tung Ulf Boden­stein und pri­vate Spender.“
Vor Kurzem wurde ein Spenden-But­ton auf der Home­page des Pro­jek­ts instal­liert. Auch wenn die Grund­fi­nanzierung inzwis­chen ste­ht, freuen sich die jun­gen Opern­mach­er über weit­ere Geld- oder Sach­spenden wie Lager- und Trans­portka­paz­itäten. Organ­i­sa­tion und Fundrais­ing haben die Ini­tia­toren inzwis­chen an zwei Kul­tur­man­age­ment-Stu­dentin­nen aus­ge­lagert. Auch ihnen geht es vor allem darum, ihre Aus­bil­dung durch prak­tis­che Erfahrun­gen zu unter­füt­tern.
Der Diri­gent Elias Grandy staunt zuweilen selb­st über den Lauf der Ereignisse. „Vor nicht mal einem Jahr saßen wir zu zweit im Cafe und dacht­en so ins Blaue, wir wür­den gerne mal eine Oper machen“, wun­dert er sich. „Und nun sind wir rund hun­dert Leute, die alle aus Spaß und aus eigen­em Antrieb bei der Sache mit­machen.“

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